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08.05.2008 
Was Rolf Elgeti an ostdeutschen Immobilien findet

Staranalyst auf Stadtflucht

von Christian Schnell

Als erster deutscher Analyst brachte es Rolf Elgeti in der Londoner City zu Ruhm. Diese Karriere hat er mit 31 Jahren bereits hinter sich. Jetzt ist er selbstständig, investiert in ostdeutsche Wohnhäuser und geht im Pulli ins Büro. Eines ist aber geblieben: Seine Strategien sind immer noch ähnlich unangepasst wie früher.

Rolf Elgeti: Als erster deutscher Analyst brachte er es in der Londoner City zu Ruhm.

Rolf Elgeti: Als erster deutscher Analyst brachte er es in der Londoner City zu Ruhm.

FRANKFURT. Das Leben als Popstar stellt sich die Öffentlichkeit gewöhnlich anders vor. Bei Rolf Elgeti bedeutete es: Rund 1 000 Auftritte pro Jahr, manchmal bis zu einem Dutzend am Tag, mindestens drei Tage die Woche in unterschiedlichen Städten, Zeit- und Klimazonen, ein steter Wechsel zwischen Flugzeug, Auftritt und Hotel. Elgeti war in den Zwanzigern, war mit seiner eloquenten, intelligenten und gleichzeitig humorvollen Art „Everybody’s Darling“. Auch weil er Dinge vortrug, die sich wohltuend vom Einheitsbrei absetzten.

Rolf Elgeti war indes kein Sänger, Tänzer oder Schauspieler. Er war Aktienstratege, zuerst bei UBS in London, dann dort bei der Commerzbank und zuletzt bei ABN Amro. Wie die betuchten Kunden dieser Häuser ihr Geld anlegen sollten und wie besser nicht, das gab er vor. Als erster deutscher Analyst brachte er es in der Londoner City zu Ruhm.

Vor einem Jahr ist der Bauernsohn aus Mecklenburg-Vorpommern ausgestiegen und macht seither das, was vor ihm ebenfalls noch niemand versucht hat: Angelsächsischen Investoren die Vorteile deutscher – und vor allem ostdeutscher – Immobilien nahezubringen. „Ich glaube, dass deutsche Wohnimmobilien einen Zyklus erleben werden, der 20 Jahre dauern kann“, gibt sich der 1,90-Meter-Mann zuversichtlich. Er spricht bewusst von Wohnimmobilien. Gewerbeimmobilien sind eine andere Welt und nicht sein Ding.

Sein Ansatz war stets anders als der seiner Zunft. Während die Analysten oft dem Herdentrieb folgen und wirklich konträre Aussagen eher selten sind, suchte Elgeti die Chancen abseits der Trampelpfade. Das schlug sich in zahlreichen Auszeichnungen nieder. Der Branchendienst Thomson Extel Survey kürte ihn in den Jahren 2004 und 2006 zweimal zum besten und einmal zum zweitbesten Aktienstrategen Europas. Ende 2006, als die große Übernahmewelle bei kleinen und mittelgroßen Unternehmen in voller Fahrt war, stellte er die für damalige Verhältnisse gewagte These auf, der Fokus bei Übernahmen werde sich künftig auf Marktschwergewichte verlagern, weshalb sich Anleger entsprechend positionieren sollten. Prompt folgte für viele überraschend die Übernahme des Dax-Konzerns Schering durch Bayer oder von die Reebok durch Adidas.

Ähnlich unangepasst ist seine Strategie heute im Immobiliensektor. „Lage, Lage, Lage“, nennt beispielsweise Sven-E. Hintz, Analyst der Berenberg Bank, den elementaren Faktor bei Immobilien – und beschreibt damit das Credo der Branche. Vom Analysehaus Starmine wurde Hintz für seine treffsicheren Prognosen gerade erst zum Immobilien-Analysten des Jahres ausgezeichnet. Der 31-jährige Elgeti interpretiert diese Aussagen auf seine Weise, indem er darauf setzt, was wohl künftig erst als gute oder sehr gute Lage entdeckt wird. Städte, die Londoner Investoren vielleicht noch nie gehört haben, wie Rostock oder Erfurt, gehören dazu, ebenso das dort wohl zumindest dem Namen nach bekannte Potsdam. Und kleine bis mittelgroße Städte in Norddeutschland wie Flensburg. „Natürlich ist der Frankfurter Opernplatz eine sehr gute Lage. Aber das weiß jeder, und da will auch jeder hin“, nennt Elgeti seine ebenso einfache wie einleuchtende Philosophie. Grundgedanke ist jedes Mal: Zu Mieten wie in Flensburg oder Erfurt kann man keinen Neubau finanzieren. Deshalb kommt es irgendwann zu Engpässen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Immobilien standen stets im Vordergrund

Auch in der Bundeshauptstadt ist Elgeti unterwegs – abseits der schillernden Viertel. Stattdessen versucht er, seine Investoren in Berlin von unentdeckten Bezirken zu überzeugen. „Berlin ist in vielen angesagten Bezirken schon vergleichsweise zu teuer“, hält er der gängigen These von der „günstigsten Metropole der Welt“ entgegen. Friedrichshain sei das, was der Prenzlauer Berg vor fünf Jahren gewesen sei und wonach eine spezielle Klientel jetzt suche. Selbst einige Ecken des verrufenen Neuköllns böten Chancen.

Wenn Elgeti über den chancenreichen deutschen Immobilienmarkt philosophiert, dann fällt auf: Aktienstrategie, Meetings mit superreichen Großkunden oder das Pendeln zwischen den Kontinenten war nur Basis für Bekanntheit und finanzielle Unabhängigkeit, mit denen der Schritt zur wahren Leidenschaft gewagt werden konnte. Denn Immobilien standen stets im Vordergrund. Bereits während seiner fast zehn Jahre in der Londoner City hat er – nebenbei – für Freunde und Bekannte ein deutsches Immobilienportfolio über 40 Millionen Euro verwaltet. Einmal führte seine Überzeugung vom enormen Wertsteigerungpotenzial ostdeutscher Garagenkomplexe für den Vater zweier Töchter angeblich zu erheblichen innerfamiliären Diskussionen, wie Bekannte berichten – weshalb eine Chance auf gute Renditen verpasst wurde.

Karriereschwenks wie Elgetis sind in der Finanzwelt aber die Ausnahme. Dort gehören zwar häufige Wechsel des Arbeitgebers zum perfekten Lebenslauf, um weit nach oben zu kommen. Den grundsätzlich einmal eingeschlagenen Weg innerhalb der Finanzwelt verlassen jedoch die wenigsten. „Da spielt einer offensichtlich das übliche Spiel der Industrie nicht mit“, sagt Tim Zühlke, Gründungspartner von Indigo Headhunters in Frankfurt.

Das geht in der Regel nur dann, wenn man in kürzester Zeit alles erreicht hat, was zu erreichen ist. Im Bereich der Anlagestrategie hat Elgeti alles ausgereizt. Im besten Fall wäre in etlichen Jahren der Sprung in den Finanzvorstand einer Großbank möglich gewesen. Das hätte jedoch erneut geheißen: Meetings, Flüge, Hotels, unterschiedliche Zeit- und Klimazonen. „Gerade die Sonntagabendflüge, um montags irgendwo auf der Welt sofort loslegen zu können, waren extrem nervig“, sagt der Aussteiger.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Aufschwung Ost: Eine ungewöhnliche Karriere

Familienmensch Elgeti genießt nun stattdessen die Freiheit, die die Selbstständigkeit mit sich bringt. Mit Hemd und Pulli geht er ins Londoner Büro. Im Ferienhaus auf der Halbinsel Darß in der Ostsee hat er sein „Außenbüro“. Ein Buch über die Chancen des deutschen Immobilienmarkts hat er nun geschrieben – was für einen, der vorher mindestens eine Studie die Woche veröffentlicht hatte, nichts Ungewöhnliches ist. „Den brutalen angelsächsischen Kapitalismus mit ostdeutschen Immobilien zusammenzubringen, ist doch eine hübsche Aufgabe“, nennt er heute sein Ziel.


Aufschwung Ost: Eine ungewöhnliche Karriere

Aufstieg: Die Karriere in der Londoner Bankenszene war für Rolf Elgeti nicht vorgezeichnet. Er stammt aus Broderstorf in Mecklenburg-Vorpommern. Sein Vater war Vorsitzender einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) in der DDR.

Überflieger: Geschichten über seinen Werdegang gibt es viele. Beispielsweise die über die fünf Leistungskurse, die er am Gymnasium freiwillig belegte und trotzdem das Abitur mit einem Schnitt von 1,0 machte. Oder die vom Wirtschaftsstudium am der Uni Mannheim, das er in fünf Semestern abschloss und in zwei weiteren den MBA an der Pariser Elite-Uni Essec dranhängte.

Karriere: In der Londoner City standen ihm daraufhin alle Türen offen. Von UBS ging es zur Commerzbank und weiter zu ABN Amro. Im Frühjahr 2007 stieg er aus.

Rückkehr: Die Chancen, die seine ostdeutsche Heimat bietet, bekamen Londoner Banker oft von Elgeti zu hören. Und weil ihn das Wertsteigerungspotenzial von Immobilien schon immer fasziniert hatte, lag der Gedanke nahe, London, Ostdeutschland und Immobilien als Geschäftsidee zu verknüpfen.

Autor: Die Zeit nach seinem Ausstieg bei ABN Amro hat Rolf Elgeti genutzt, um ein Buch zu schreiben. „Der kommende Immobilienmarkt in Deutschland“ lautet der Titel. Kernthese: Zu Mieten wie in vielen Teilen Deutschlands kann niemand bauen. Die Zeit der billigen Mieten ist aber bald vorbei.

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