Wolfgang Leoni: „Für Panik an den Börsen besteht kein Anlass“

Wolfgang Leoni
„Für Panik an den Börsen besteht kein Anlass“

Ein Bündel an globalen Risiken lässt die Aktienkurse einbrechen. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt Wolfgang Leoni, leitender Anlagestratege bei Sal. Oppenheim, wie sich Anleger jetzt verhalten sollen.
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Herr Dr. Leoni, in Japan brechen die Kurse ein. Und auch in Europa sind Anzeichen von Panik zu erkennen. Ist die heftige Reaktion der Märkte angemessen?

Nein, der Kurssturz ist übertrieben. Für Panik an den Börsen gibt es keinen Anlass. Natürlich verändert die Zuspitzung dieser Nacht die Lage, die Folgen einer nuklearen Katastrophe lassen sich kaum bemessen. Nichtsdestotrotz handelt es sich bisher in doppelter Hinsicht um ein regionales Phänomen: Zum einen sind die Auswirkungen im Wesentlichen auf Japan beschränkt, zum anderen ist auch innerhalb Japans glücklicherweise bisher vor allem der Norden betroffen. Und der steht nur für etwa zehn Prozent der Industrieproduktion. Wirtschaftlich ist Japan insofern nicht in dem Ausmaße geschädigt, wie es die verheerenden Bilder vermuten lassen.

Wie werden die westlichen Finanzmärkte reagieren, wenn die Marktunruhen in Japan über einen längeren Zeitraum anhalten?

Das lässt sich jetzt schwer sagen. Aber wenn man die Situation nach dem Kobe-Erdbeben im Jahr 1995 als Maßstab nimmt, gibt es keinen Grund zur Sorge. Damals hat der japanische Aktienmarkt etwa sechs Monate lang korrigiert. In Europa hat das die Märkte nur am Anfang leicht belastet, die US-Börsen reagierten so gut wie gar nicht.

Wie beurteilen Sie das Eingreifen der japanischen Notenbank, die den Markt mit Rekord-Liquiditätsspritzen zu stützen versucht?

Das Eingreifen der Bank of Japan hat eine gewisse Signalwirkung. Es zeigt, dass die Politik alles unternehmen wird, um eine wirtschaftliche Schwäche abzufedern, und das hilft. Angesichts der strukturellen Probleme einer Staatsverschuldung von mehr als 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und der zuvor bereits extrem expansiven Geldpolitik ist aber auch klar, dass es für Japan in Zukunft nun noch schwerer wird.

Ergeben sich daraus Änderungen in Ihrer Anlagepolitik?

Wir haben unser Japan-Exposure in den Depots für Privatkunden abgebaut bzw. bei den institutionellen Kunden deutlich reduziert. Allerdings waren wir dort schon vor der Katastrophe nur sehr zurückhaltend investiert.

Für die Kapitalmärkte ist die Katastrophe in Japan der jüngste in einer Reihe kleinerer Schocks. Müssen sich Anleger nach zwei unter dem Strich sehr guten Jahren wieder auf turbulentere Zeiten einstellen?

Wir gehen davon aus, dass die Makro-Volatilität wieder zunimmt, ähnlich wie es in den 1970er- und 80er-Jahren der Fall war. Damals war die gesamte Wirtschaftspolitik von einer keynesianischen Stop-and-Go-Politik geprägt, Fiskal- und Geldpolitik waren sehr erratisch. Es war ein großer Verdienst der Notenbanken, vor allem auch der Bundesbank, dass die Geldpolitik Mitte der 80er-Jahre verstetigt wurde. Dadurch ist die Berechenbarkeit gestiegen, was für die Finanzmärkte sehr positiv war. Im Zuge der Finanzkrise sind wir notwendigerweise wieder in die alten wirtschaftspolitischen Muster zurückgefallen. Die dadurch entstanden Ungleichgewichte müssen abgebaut werden, was aber  einige Jahre  in Anspruch nehmen wird. Solange dies so ist, wird die Unsicherheit und die Volatilität an den Finanzmärkten hoch bleiben.

Zumal mit den Unruhen in den arabischen Ländern plötzlich auch politische Risiken wieder auf der Agenda stehen...

Die Hoffnung ist, dass die arabische Welt schnell zur Ruhe kommt. Leider sieht es in Libyen im Moment wieder eher so aus, dass die Entwicklung in eine ungewünschte Richtung geht. Entscheidend ist, ob sich die Unruhen auf Saudi-Arabien übertragen, das wirtschaftlich gesehen ein ganz anders Kaliber ist als Ägypten oder Libyen. Ein Übergreifen der Gewalt auf Saudi-Arabien könnte den Ölpreis massiv in die Höhe treiben, die Weltkonjunktur angreifen und die Märkte auf Talfahrt schicken.

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  • “glücklicherweise bisher vor allem der Norden betroffen.“

    Wer das sagt, kann nur beschränkt sein.

    Nun ja, Oppenheim, ist halt kein Renomée mehr.

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