Adam Fergusson
„Wir gießen immer neues Öl ins Feuer“

Der bekannte Inflationshistoriker Adam Fergusson erklärt im Interview mit dem Handelsblatt, warum er an Notenbankern und Politikern zweifelt, die die europäische Schuldenkrise mit neuen Schuldenprogrammen angehen.
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FrankfurtHerr Fergusson, welche Vermutungen über den weiteren Fortgang der Schuldenkrise lässt der Blick in die Geschichte zu?

Adam Fergusson: Die Geschichte lehrt uns: Alle Regierungen wollen irgendwann von ihren Schulden nichts mehr wissen. Sie entwerten sie über Inflation. Sogar die D-Mark, die viele Menschen heute als Stabilitätshort ansehen, hat seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts 90 Prozent ihrer Kaufkraft verloren. Dazu reicht eine Inflation von zwei oder drei Prozent jährlich. Wenn man es so und damit etwas sarkastisch betrachtet, muss man doch sagen: Alle Schulden werden zurückgezahlt.

Sollten wir vom Ansatz „Schulden bekämpfen durch noch mehr Schulden“ abgehen?

Unbedingt, das sollten wir. Bisher bekämpfen wir das Feuer, indem wir Öl hinein gießen. Man will mit Zwischenlösungen Zeit kaufen, heißt es oft. Aber Zeit wofür? Als Bürger könnte ich mich wehren. Inflation ist schließlich nichts weiter als eine Steuer, die mich als Bürger belastet. Das hat John Maynard Keynes zum ersten Mal vor fast einem Jahrhundert so beschrieben. In den Weimarer Zeiten der Hyper-Inflation ist die Geldentwertung schnell außer Kontrolle geraten.

Gibt es eine Alternative zu diesem Weg in die Transferunion?

Langfristig ist der Weg in die Fiskalunion der einzige Weg, wenn die Eurozone erhalten werden soll. Wahrscheinlich braucht man dazu einen neuen Vertrag. Mit den geltenden Grundlagen ist das nicht möglich. Aber ein neuer Vertrag benötigt angesichts der Lage zu viel Zeit. Das starke Deutschland hat hier zwei Wünsche: stabiles Geld und Europa zusammenhalten. Doch der erste Punkt scheint ein Problem zu sein.

Wie bewerten Sie die Rolle der EZB als Monetisierer der Staatsschulden?

Es ist gegen die Verträge. Die Menschen haben schon das Vertrauen in Politiker, Banker und Staaten verloren. Jetzt beginnen sie vielleicht auch das Vertrauen in ihr Geld zu verlieren. Wenn die EZB Staatsanleihen aufkauft, dann senkt sie damit den Druck in diesen Ländern, ihre Wirtschaft durch die Finanzen zu reformieren. Griechenland und Spanien beispielsweise wären nicht unter Druck, wenn die EZB keine Bonds der Länder kaufen würde. Die Gefahr ist einfach: Die Länder werden entlastet und machen einfach so weiter wie bisher.

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„Der Euro wird in dieser Form nicht erhalten bleiben“

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  • Ganz einfach. Durch die schlecht situation im Süden wird Kapital abgezogen was zur Abwertung des Euros führt. Die Inflation kommt in Form höherer (Euro-)Preise für Rohstoffe und anderen Importwaren.

  • @donolli

    Selten eine Zusammenfassung gelesen die es so auf den Punkt bringt. Leider wohl zu schön um wahr zu werden.

  • Viele Finanzinstitutionen neben den Banken wie Versicherungen, Pensionsfonds, Hedgefonds, etc. haben Anlagenotstand (hohes Risiko, geringe Ertraege). Sie lassen ihre Gelder zu einem nicht unerheblichen Teil in Rohstoffe fliessen. Rohstoffpreise steigen bereits und der Preisanstieg wird sich beschleunigen (Stichwort Asset Price Inflation).

    Auch bei sinkender Nachfrage verteuern sich Gueter bei steigenden Rohstoffpreisen. Unternehmer verkaufen ihre Produkte nicht dauerhaft mit Verlusten. Sie schraenken die Produktion ein. Das Guetervolumen sinkt und fuehrt sogar bei gleichbleibendem Geldvolumen zu steigenden Preisen. Dieses Phaenomen hat einen Namen: Stagflation. Ich empfehle einen Blick nach Zimbabwe zu werfen, wo ueber Jahre die Wirtschaftsleistung sank und die Preise stiegen, bis zum totalen Kollaps der Waehrung.

    Sofern man mit der hemmungslosen Geldvermehrung durch Zentralbanken fortfaehrt – und alles deutet darauf hin – haben wir ein enormes Inflationspotential. Wie die grossen Krisen in der Vergangenheit zeigen, kann Deflation durchaus einer Inflation vorangehen. Aber im Prinzip gilt die einfache Formel: waechst Geld schneller als Guetermenge, steigen die Preise. Und eine gallopierende Inflation kann man durch zentralbankpolitik nicht mehr einfangen!

    Uberigens, die Banken haben mit ihren Bilanzverkuerzungen noch nicht angefangen. Schlechte Engagements loszuwerden ist schwer, gute sind ueberlebensnotwendig!

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