Aktien bieten noch gute Perspektiven - Dynamik lässt nach
Osteuropa bleibt interessant

Trotz schwächeren Wachstums und nach dem Kurseinbruch im Frühjahr bieten Aktien aus Mittel- und Osteuropa gute Perspektiven. Treibende Kraft ist der Binnenkonsum.

Wenn es auf dem osteuropäischen Energiemarkt etwas zu holen gibt, ist einer stets zur Stelle: Martin Roman. Der 36-Jährige ist Vorstandsvorsitzender des größten tschechischen Stromversorgers CEZ und treibt die Ostexpansion seines Konzerns voran wie kein zweiter Strommanager in den neuen Mitgliedsländern der Europäischen Union (EU). Im vergangenen Jahr übernahm er drei bulgarische Energieversorger für 281,5 Millionen Euro - das machte CEZ zum größten Ostinvestor aus den EU-Beitrittsstaaten. In Rumänien sicherte er sich je ein Viertel an zwei weiteren Elektrizitätslieferanten. Im September will Roman bei der Privatisierung des größten rumänischen Stromversorgers, Electrica Mutenia Sud gegen Eon, RWE und die italienische Enel antreten.

Er kann es sich leisten: Im ersten Halbjahr 2005 hat CEZ den Nettogewinn mehr als verdoppelt auf 364 Millionen Euro. Der Aktienkurs an der Prager Börse stieg seit Jahresbeginn um mehr als 50 Prozent. Der Stromverbrauch der Tschechischen Republik, den CEZ zu mehr als zwei Dritteln sättigt, nahm im ersten Halbjahr um 2,2 Prozent zu. Mit ähnlichen Raten steigt der Energiebedarf in Polen, Ungarn und der Slowakei. Die Volkswirtschaften der vier größten Beitrittsstaaten werden 2005 mindestens doppelt so schnell wachsen wie die der Euro-Zone.

Raum für weitere Kursgewinne

Das Tempo ist zwar nicht mehr ganz so rasant wie im Vorjahr, als das durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt der östlichen Beitrittsstaaten, gespeist aus Rekordinvestitionen aus dem Ausland und regem Binnenkonsum, um 4,9 Prozent zulegte. Dennoch sehen die Analysten regional gut vernetzter Geldinstitute wie Bank Austria Creditanstalt und Erste Bank in Wien Raum für Kursgewinne weit über das laufende Jahr hinaus. "Der konvergierende Markt Ost- und Mitteleuropa entwickelt sich verhaltener, aber auch stabiler", sagt Henning Eßkuchen, Experte für die Region bei Erste Bank. "Das Wachstum flacht ab, wird Anlegern aber über die kommenden drei bis fünf Jahre immer noch interessante Investitionsmöglichkeiten bieten. Weniger spekulativ, dafür mit guten Dividenden." Wenn auch auf niedrigerem Niveau, die ausländischen Direktinvestitionen fließen weiter.

Binnenkonsum als treibende Kraft

Noch mehr nährt den Optimismus der Analysten und Fondsmanager die Konsumfreude der Bevölkerung. "Der Binnenkonsum wird zur treibenden Kraft", sagt Alexandre Dimitrov, Osteuropa-Experte bei Capital Invest, der Fondstochter von Bank Austria. Der Absatz des polnischen Einzelhandels stieg 2004 um 10,4 Prozent (2003: 7,8 Prozent, 2002: 4,8 Prozent). Die tschechische Erste-Bank-Tochter Ceska Sporitelna schätzt den Zuwachs des ungarischen und tschechischen Einzelhandels in diesem Juni auf vier bis fünf Prozent gegenüber Juni 2004. Der russische Einzelhandel steigerte seine Verkäufe im vergangenen Jahr um 10,2 Prozent. In Russland wächst die Mittelschicht weiter und heizt mit ihrer Konsumfreude das Wachstum an. Heimische Handelsketten streben an die Börse, um ihre Expansion zu finanzieren.

Eine weitere Quelle für Kursgewinne in Mittel- und Osteuropa ist das schlummernde Effizienzpotenzial: "In vielen Unternehmen ist noch Raum für Restrukturierung, für Produktivitäts- und damit Wertsteigerung", sagt Tomáš Gatek, Analyst der Prager Investmentbank Patria Finance. Eine Vergleichsstudie der Unternehmensberatung Proudfoot Consulting bestätigt das. Darin schnitten selbst die relativ schlanken Unternehmen Ungarns im Vergleich mit den USA, Alt-EU-Staaten wie Deutschland und Großbritannien sowie Australien und Südafrika am schlechtesten ab.

Empfindliche Ostbörsen

Eine sorglos sichere Anlageregion also? Das nicht, denn gegen globale Störfeuer kann sich auch die wachstumsstarke Region Mittel- und Osteuropa nicht schützen, zu schnell droht sie immer wieder in den Sog schlechter Nachrichten aus anderen Emerging Markets zu geraten. Auch wenn die generelle Risikobereitschaft der internationalen Investoren abnimmt, bekommen das die Ostbörsen sofort zu spüren. So wie im Frühjahr, nach Korruptionsskandalen in Brasilien, den Problemen des Autoherstellers General Motors, hohen Ölpreisen und dem US-Zinsanstieg: Die Kapitalverschiebung ließ die Indizes Mittel- und Osteuropas einbrechen.

Die Talsohle war rasch erreicht. So steil wie sie abgerutscht waren, kletterten die Kurse wieder. Die Handelsvolumina schwellen weiter an: Mit einem durchschnittlichen Tagesumsatz von 207 Millionen Euro im ersten Quartal 2005 schickt sich die Warschauer Börse an, zur Rivalin in Wien (235 Millionen Euro) aufzuschließen. An den polnischen Finanzplatz drängten 2004 mit dem Ölkonzern Mol und dem Chemieunternehmen Borsodchem bereits zwei expandierende ungarische Unternehmen, denen die Budapester Börse zu klein war.

Chancen in Polen

Warschau verfügt über ein entscheidendes Plus: Seit der Reform des polnischen Sozialversicherungssystems 1999 müssen alle polnischen Arbeitnehmer einen Teil ihres Gehalts in staatlich lizenzierte Pensionsfonds einzahlen. Diese von internationalen Versicherungsgrößen wie AIG und Generali geleiteten Fonds legen bis zu 30 Prozent des anvertrauten Kapitals in Aktien an. Dennoch war Warschau 2005 bisher die schwächste Börse der Region. Verglichen mit Prag und Budapest bietet sie die größte Bewertungsreserve, bei Privatisierung und Restrukturierung hat die polnische Wirtschaft noch einen weiteren Weg vor sich als die tschechische und die ungarische.

Das spricht sich herum. Wojciech Zelechowski, Vertriebschef der Deutsche Bank Securities hält den Markt für attraktiv, "weil er gute Renditen bietet, aber inzwischen eine ähnliche Risikostruktur aufweist wie die entwickelten Märkte im Westen." Davon profitieren Indexschwergewichte wie der Ölkonzern PKN Orlen. Dessen Kursentwicklung hängt jetzt allerdings stark davon ab, ob die Integration des übernommenen tschechischen Ölunternehmens Unipetrol klappt und ob sich der geplante Ausbau des Tankstellennetzes in Deutschland auszahlt.

Perspektiven in Ungarn und Rumänien

Den wichtigsten ungarischen Energietitel Mol umwirbt gegenwärtig der deutsche Energieriese Eon. Beide Seiten warten auf die Entscheidung der ungarischen Energiebehörde und der EU-Kartellbehörde. Stimmen sie dem angestrebten Verkauf von Mols Gasgeschäft an Eon zu, rechnen Analysten mit einem kräftigen Kursanstieg.

Das Ölland Rumänien bietet auch interessante, noch kaum bekannte Einstiegsmöglichkeiten im Finanzsektor, etwa die Bank BRD: Sie betreut den zum Renault-Konzern gehörenden Autoproduzenten Dacia und seine für rumänische Verhältnisse gut verdienenden Mitarbeiter. Als attraktiver Übernahmekandidat mit Kurspotenzial gilt daneben die aggressiv wachsende, von ehemaligen ABN-Amro-Managern geleitete Banca Transilvania. Am spannendsten entwickelt sich zurzeit der polnische Finanzsektor. Nach der Übernahme der HypoVereinsbank durch UniCredito steht dort die Verschmelzung ihrer polnischen Töchter BPH und Bank Pekao bevor. Das, prognostizieren Analysten, wird auf dem noch sehr fragmentierten polnischen Finanzmarkt eine Konsolidierungswelle auslösen.

Wachstumsgrenzen absehbar

Ein anderes Bild bietet der Telekommarkt. In Tschechien etwa ringen die Mobilfunktochter der größten Telefongesellschaft Cesky Telecom, der von Vodafone übernommene Herausforderer Oskar und T-Mobile erbittert um Marktanteile. Zwar generiert die Branche verlässliche Cash-Flows und Dividenden, erhebliche Kurszuwächse aber sind nicht mehr drin. Mehr Wertsteigerung versprechen Medientitel der Region: Die Aktie der in Tschechien, der Slowakei, Slowenien, Rumänien, und der Ukraine mit Fernsehsendern präsenten Mediengruppe Central European Media Enterprises, seit Juni an der Prager Börse gelistet, und die polnische Verlagsgruppe Agora profitieren von der steigenden Nachfrage. "Der Werbemarkt erholt sich", sagt Zelechowski. "Die Ausgaben für Fernseh- und Printwerbung nehmen seit dem vergangenen Jahr wieder zu."

Anleger sollten Risiken streuen

In Mittel- und Osteuropa rechtzeitig die wichtigen Trends zu erkennen, fällt westlichen Privatanlegern schwer. Zumal die Märkte für sich genommen vergleichsweise klein sind. "Je kleiner ein Markt, desto anfälliger ist er", sagt Erste-Analyst Eßkuchen. Um das Risiko in Grenzen zu halten, streuen Anleger ihre Investitionen am besten über die ganze Region. Am einfachsten ist das mit Investmentfonds, die sich auf Osteuropa spezialisiert haben.

Auch für sie gilt aber: Das Wachstum hat Grenzen. Wie schon im Telekommunikationssektor wird die Konvergenzdynamik auch in anderen Branchen nachlassen; der Zuwachs der Kaufkraft wird abflachen. Oliver Schmitt, Gründer der Prager Personalberatung Teamconsult, der die tschechische Gehälterentwicklung seit zwölf Jahren beobachtet: "Lohnsteigerungen von zehn Prozent pro Jahr sind auf Dauer nicht zu halten."

Quelle: Wirtschaftswoche Nr. 34 vom 18.08.2005 Seite 078

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