Aktienmarkt
Russland verschreckt Investoren

Der Krieg in Georgien und der gesunkene Ölpreis haben am russischen Aktienmarkt ihre Spuren hinterlassen. Aber es ist nicht nur das volkswirtschaftliche Bild, das vielen Anlegern Sorgenfalten ins Gesicht treiben.

HB MOSKAU. Der russische Leitindex RTS entwickelte sich in diesem Quartal bislang so schlecht wie kein anderer der weltweit 20 wichtigsten Aktienmärkte. Dies zeigen Daten von Bloomberg. Seit dem 30. Juni hat das Börsenbarometer 22 Prozent verloren. Neben Krieg und Öl belasten auch die Ermittlungen gegen den Stahlhersteller Mechel den Markt.

Der RTS-Index pendelte am Mittwoch um die Marke von 1 800 Zählern. Auch wenn russische Aktien so günstig bewertet sind wie seit zwei Jahren nicht mehr, meiden Akteure wie Firebird Management, Clariden Leu und Banco Santander SA Investments im größten Flächenstaat der Welt.

„Anleger behandeln Russland wie einen Aussätzigen“, sagt Ian Hague, einer der Gründungspartner von Firebird. „Bei den Aktien kann man eigentlich nur die Positionen reduzieren.“ Bei Kriegsausbruch am vergangenen Freitag war der RTS-Index um 6,5 Prozent gefallen. Seitdem erholte sich der Index zwar wieder etwas – allein am Dienstag, dem Tag, an dem Präsident Dmitrij Medwedjew die Waffenruhe verkündete, kletterte das Kursbarometer um 3,5 Prozent. Doch der erste militärische Auslandskonflikt Russlands seit dem Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion 1991 belastet die Beziehungen zu den USA.

Heftiger als der Kaukasus-Konflikt hat der Preisrückgang bei Öl und anderen Rohstoffen den russischen Aktienmarkt gebeutelt. Die Kurse der beiden Ölkonzerne Rosneft und Lukoil gaben seit Juni jeweils mehr als 17 Prozent nach. Aktien des Bergbaukonzerns GMK Norilsk Nickel sackten sogar um 26 Prozent ab. Fast alle Werte im 48 Titel umfassenden RTS-Index verzeichneten seit Juli Verluste; einzige Ausnahme war der Silberproduzent Polymetal. „Das makroökonomische Bild verdüstert sich weltweit, auch in Russland“, sagt Fondsmanagerin Zina Psiola von der Credit-Suisse-Tochter Clariden Leu.

Nicht nur das volkswirtschaftliche Bild, sondern auch spezifisch russische Probleme treiben vielen Anlegern Sorgenfalten ins Gesicht. So zum Beispiel die Vorgänge um den vom Milliardär Igor Zyuzin kontrollierten Mechel-Konzern: Premierminister Wladimir Putin hat dem Unternehmen im Juli Preisabsprachen vorgeworfen. Nur ein paar Tage später verkündete er, Mechel unterhalte Auslandgesellschaften, um Steuern zu sparen. Diese Vorgänge erinnern Anleger an die Zerschlagung früheren Ölkonzern Yukos. Unter der Präsidentschaft Putins hatte der Kreml damals von Yukos Steuerrückzahlungen in Höhe von 30 Mrd. Dollar (20 Mrd. Euro) gefordert. Die Behörden warfen Konzerngründer Michail Chodorkowskij Unterschlagung und Steuerhinterziehung vor und verurteilten ihn 2005 zu acht Jahren Haft in einem sibirischen Straflager. Ein Jahr darauf musste Yukos Insolvenz beantragen. Der Staatskonzern Rosneft sicherte sich den Großteil der Yukos-Anlagen.

Im vergangenen Monat senkte die Investmentbank JP Morgan Chase & Co. ihre Anlageempfehlung für russische Aktien auf „untergewichten“ und verwies dabei neben der aktuellen Wirtschaftslage auf das „Risiko unkonventioneller Methoden zur Bekämpfung der Inflation“. Die Teuerungsrate in Russland lag im Mai und im Juni bei 15,1 Prozent, dem höchsten Wert seit fünf Jahren. Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht davon aus, dass das Wirtschaftswachstum Russlands in diesem Jahr auf 6,8 Prozent sinkt. 2007 hatte es noch 8,1 Prozent betragen. Für 2009 rechnet der IWF mit einem weiteren Rückgang auf 6,3 Prozent.

Anleger wie Jochen Wermuth von Wermuth Asset Management in Frankfurt kann das nicht schrecken, zumal russische Aktien mit dem 10,2-fachen der Gewinne günstig bewertet sind. „In Bezug auf Mechel und Georgien ist zu viel irrationale Furcht im Spiel“, sagt Wermuth. „Russland ist nicht so böse, wie viele offenbar denken.“ Für Banco Santander hingegen sind die Aktien nicht billig genug, um die politischen Risiken aufzuwiegen. „Es gibt zahlreiche andere interessante Länder, in denen man investieren kann“, sagt Fondsmanager Nerea Heras.

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