Aktionäre
Studie: Kleinanleger sind überfordert

Die Geschäftsberichte der Unternehmen werden immer umfangreicher. Doch Privatanlegern nutzt die Flut an Informationen wenig. Im Gegenteil: Nach einer aktuellen Studie befassen sie sich immer weniger mit den Zahlenwerken. Oftmals schauen sie zudem auf die falschen Kennzahlen. Gegen Profi-Anleger sehen sie damit alt aus.

FRANKFURT. Mit immer umfangreicheren Geschäftsberichten versorgen deutsche Unternehmen ihre Investoren - und machen Privatanlegern damit das Leben schwer. Sie schrecken vor den Zahlenwerken zurück und geraten damit gegenüber institutionellen Anleger ins Hintertreffen. Das ist das Ergebnis einer Unfrage unter 470 000 Kleinanlegern, die das Deutsche Aktieninstitut (DAI) in Zusammenarbeit mit den Universitäten in Bochum und Berlin sowie der privaten Hochschule WHU in Vallendar heute veröffentlicht hat.

"Trotz aller Bemühungen, den Geschäftsbericht informativer und glaubwürdiger zu machen, wird er von den Privatanlegern kaum gelesen", sagt Bernhard Pellens von der Uni Bochum. Im Geschäftsbericht legt ein Unternehmen Rechenschaft über das abgelaufene Jahr ab. Er gibt Aufschluss über Lage und Strategie des Unternehmens und gilt als wichtigste Informationsquelle bei einer Aktiengesellschaft.

Die Macher der Studie sehen eine bedenkliche Entwicklung. Im Vergleich zu einer vorhergehenden Untersuchung im Jahr 2004 sei die Zahl derjenigen Kleinanleger, die Bilanz oder Gewinn- und Verlustrechnungen studieren, deutlich gesunken.

Wichtigste Informationsquelle für Privatanleger sind stattdessen Zeitungen. Rund drei Viertel der Aktionäre messen ihnen bei ihrer Anlageentscheidung hohe oder sehr hohe Bedeutung zu. Auf Geschäftsberichte legen dagegen nur für 44 Prozent der Anleger Wert, bei Quartalsberichten sind es nur 32 Prozent. Die Beratung durch Banken oder Broker ist für 40 Prozent der Anleger wichtig.

Bei Profi-Anlegern lässt sich ein umgekehrter Trend feststellen. Der Studie zufolge lesen sie den Geschäftsbericht viel genauer als noch vor vier Jahren. "Den institutionellen Anlegern kann man gar nicht genug Informationen liefern", sagt Edgar Ernst von der WHU. In dieser Hinsicht gebe es zwischen Privatanlegern und Institutionellen einen "gigantischen Unterschied".

Nach Ansicht der Autoren schauen die Privatanleger zudem auf die falschen Kennzahlen, um die Kursentwicklung einer Aktie einzuschätzen. "Anleger geben viel zu viel auf den Gewinn eines Unternehmens", sagt Pellens. Dieser habe aber viel weniger Aussagekraft als etwa der Cash-Flow.

Der Cash-Flow gibt die tatsächlichen Finanzströme eines Unternehmens wider und wird im Geschäftsbericht in der sogenannten Kapitalflussrechnung aufgeführt. "Die wenigsten Anleger beschäftigen sich mit der Kapitalflussrechnung - das ist eine enttäuschende Erkenntnis", sagt Pellens.

Welche Auswirkungen die Finanzkrise hat, zeigt die Studie nicht. Die Erhebung fand im Winter 2007/2008 statt, als sich die Börsen noch einigermaßen stabil hielten. Angeschrieben wurde jeder der rund 470 000 Aktionäre der Deutschen Post. Rund 36 000 vollständig verwertbare Fragebögen wurden zurückgeschickt. Für die Auswertung wurden die Daten nach Angaben der Autoren so bereinigt, dass die Ergebnisse als repräsentativ für alle Privatanleger in Deutschland gelten können.

Das Deutsche Aktieninstitut (DAI) vertritt die Interessen von Unternehmen und Institutionen, die sich am deutschen Kapitalmarkt engagieren.

Jörg Hackhausen
Jörg Hackhausen
Handelsblatt Online / Reporter
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