Analysten halten Aufschwung nur teilweise für berechtigt – Rückenwind vor allem aus den USA
Biotech-Werte haben nur noch begrenzten Spielraum

Nach zweijähriger Flaute hat sich die Biotechnologie-Branche auch an der deutschen Börse mit relativ eindrucksvollen Kursgewinnen zurückgemeldet. Immerhin haben sich bei Unternehmen wie Evotec oder GPC die Bewertungen seit Mai mehr als verdoppelt. Der Aktie von Medigene genügten dazu sogar wenige Tage seit Anfang September. Von den einstigen Höchstkursen, und auch von ihren Emissionspreisen sind die deutschen Biotechwerte indessen noch ein gutes Stück entfernt.

FRANKFURT/M. Und professionelle Beobachter tun sich eher schwer damit, die Renaissance zu beurteilen. Die Kurskorrektur sei teilweise berechtigt, teilweise aber auch überzogen, so der Tenor der meisten Analysten in den vergangenen Tagen. „Was wir derzeit erleben, ist ein relativ unselektives Hochlaufen aller Werte in dem Sektor“, gibt etwa Thomas Höger von der DZ Bank zu bedenken.

So zeigen sich Analysten vor allem bei Lion Bioscience und Medigene eher skeptisch, ob der Aufschwung der vergangenen Wochen in diesem Umfang gerechtfertigt ist. Bei anderen Werten wie Qiagen, Evotec oder GPC Biotech gilt die Kurskorrektur hingegen als fundamental besser abgesichert. Aber auch hier erscheinen die weiteren Perspektiven aus Sicht der meisten Bank-Analysten eher begrenzt. Zehn bis zwanzig Prozent Kurssteigerungen seien sicherlich in nächster Zeit noch denkbar, schätzt Höger. „Danach wird der Spielraum aus fundamentaler Sicht aber relativ eng.“

Erheblichen Rückenwind erhalten die deutschen Biotechvertreter nicht zuletzt von einem globalen Stimmungsumschwung, der bereits im zweiten Quartal einsetzte und vor allem von US-Firmen getragen wird. Sie konnten seit Jahresbeginn mit einer ganzen Serie positiver Forschungsergebnisse und Produktzulassungen aufwarten und damit Vertrauen zurückgewinnen. Das jüngste Highlight setzte die US-Arzneimittelbehörde FDA am Dienstagabend mit einem positiven Votum für das von Genentech entwickelte Mittel Raptiva gegen Schuppenflechte.

Zudem konnten auch die hiesigen Biotechvertreter zumindest mit einigen positiven Meldungen aufwarten. Dazu gehörten etwa gute Quartalszahlen bei Qiagen, diverse Kooperations-Vereinbarungen bei Evotec und Produktfortschritte bei der Münchener GPC, deren Entwicklungsprodukt Satraplatin (gegen Prostatakrebs) demnächst in die abschließend klinische Testphase III gehen kann. Im Falle Medigene gilt vor allem die in Kürze erwartete Zulassung für das Krebsmittels Leuprogel als Motor hinter dem starken Kursaufschwung der letzten Tage.

Nachdem dieses Medikament in den USA bereits auf dem Markt ist, gilt eine Genehmigung in Europa allerdings längst als relativ sicher. Die meisten Analysten sehen daher keinen akuten Anlass für eine Neubewertung des Münchener Unternehmens, das zuvor unter mehreren Flops in der Forschung heftig gelitten hat. Sie verweisen auf das eher begrenzte Marktpotenzial von Leuprogel und die Tatsache, dass Medigene das Produkt erst relativ spät von der US-Firma Atrix lizenziert hat. Da man zudem einen Partner für den Vertrieb brauche, werde die verbleibende Marge eher niedrig ausfallen, warnt Pharmaexperte Martin Possienke von der Frankfurter Research-Firma Equinet. „Der verbleibende Cashflow wird kaum ausreichen, um die übrigen Forschungsprojekte zu finanzieren“, sagt er.

Insgesamt erscheint der Mangel an fundamentalen Bewertungsfaktoren wie Produktkandidaten, klinische Testresultate oder Zulassungen nach wie vor als Defizit der deutschen Biotechwerte. „Die Firmen sind dadurch schwer kalkulierbar und stark von Stimmungen abhängig“, so der Münchener Fondsberater Michael Fischer. Der für Biotechfirmen so wichtige „newsflow“ dürfte in den nächsten Monaten eher mager ausfallen.

Immerhin kann die Branche auf eine weiterhin günstige Großwetterlage in den USA hoffen. Zudem könnte ihr die Tendenz großer Pharmakonzerne entgegen kommen, wieder stärker in frühe Forschungsprojekte zu investieren. Darauf deuten unter anderem die jüngsten Allianzen von Aventis oder Merck & Co. Allerdings bleibt auch auf dem Gebiet die Konkurrenz hart, und in Deutschland waren es bislang vor allem private Firmen wie Epigenomis oder Micromet, die von dem Trend profitierten.

Privatanleger, die ihre Biotech-Wetten vernünftig streuen wollen, werden daher auch in Zukunft nicht umhin kommen, auf die weitaus größere US-Biotechbranche zu schauen. Davon sollten auch die jüngsten Kursgewinne im TecDax nicht ablenken.

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