Angst vor Inflation
Zu viel Vorsicht schadet auch

Kaum etwas fürchten die Deutschen mehr als die Inflation. Die Angst ist weit verbreitet – dabei sie ist so gefährlich wie die Inflation selbst.
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Die Geldentwertung der zwanziger Jahre hat sich in das kollektive Gedächtnis der Nation eingebrannt, die Währungsstabilität ist wie die Exportstärke ein Teil der deutschen Nachkriegsidentität. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Euro-Krise und die großzügige Liquiditätspolitik der EZB die Bundesbürger beunruhigen.

Nach einer aktuellen Umfrage der Fondsgesellschaft Union Investment rechnen neun von zehn deutschen Anlegern in den kommenden sechs Monaten mit steigenden Preisen, fast jeder fünfte erwartet sogar stark steigende Preise. Mehr als die Hälfte der Befragten sorgen sich um ihre Ersparnisse. Gleichzeitig eilt der Goldpreis von Rekord zu Rekord, Rohstoffanlagen werden immer beliebter, der deutsche Immobilienmarkt ist aus seinem Dornröschenschlaf erwacht, und die Fondsindustrie bringt immer neue Produkte auf den Markt, die versprechen, vor einer drohenden Geldentwertung zu schützen.

Der Star Global Equity Inflation Focus der amerikanischen Investmentgesellschaft GAM versucht das mit einem globalen Aktienportfolio, das sich »auch in einem inflationsgeprägten Umfeld behaupten kann«. Der Julius Bär Emerging Markets Inflation Linked Bond Fund investiert in inflationsgeschützten Anleihen aus den Schwellenländer, wo die Wachstumschancen, aber auch die Teuerungsgefahr besonders hoch sind. Und es gibt Gold- und Rohstofffonds, die das Vermögen in Aktien von Minengesellschaften anlegen.

Wer sich vor Inflation schützen will, hat die freie Auswahl. Und dennoch sei zur Vorsicht geraten. Die Inflationsrate ist zuletzt zwar gestiegen, in Deutschland lag sie im April bei 2,4 Prozent, im Mai ist sie sogar leicht gesunken, auf 2,3 Prozent. Im historischen Vergleich ist der Preisauftrieb mehr als moderat: In den siebziger und achtziger Jahren fiel die Inflationsrate in Deutschland selten unter drei Prozent. Und selbst heute strebt die EZB aus gutem Grund keine Nullinflation an, sondern eine Rate von nahe zwei Prozent, um der Deflation aus dem Weg zu gehen.

Eine rasante Geldentwertung ist jedenfalls nicht in Sicht. Bislang treiben vor allem Öl- und Lebensmittelpreise die Teuerung an. Die Löhne dagegen – der größte Kostenblock für Unternehmen und damit der wichtigste Einflussfaktor für die Inflationsrate – steigen wegen der in vielen Ländern immer noch hohen Arbeitslosigkeit nur moderat. Selbst im Boomland Deutschland wird von den führenden Wirtschaftsforschungsinstituten für das laufende Jahr nur ein Lohnzuwachs von 2,1 Prozent prognostiziert – inklusive Sonderzahlungen. Außerdem hat die EZB bereits Maßnahmen gegen eine Teuerung eingeleitet und die Leitzinsen leicht angehoben Auch die Federal Reserve in den USA verabschiedet sich allmählich von der Politik des billigen Geldes – im Juni läuft das Programm zum Ankauf von Staatsanleihen aus.

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Kommentare zu " Angst vor Inflation: Zu viel Vorsicht schadet auch"

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  • Vordergründig ist Ihre Argumentation gar nicht so schlecht. Allerdings sollten Sie bedenken, dass auch Sie (je nach Alter) sehr wohl ein "Vermögen" haben. Zum Beispiel Rentenansprüche oder Ansprüche auf Arbeitslosengeld. Auch solche "Vermögen" sind von einer Teuerung betroffen. Schützen oder in Sicherheit bringen können Sie solche "Vermögen" allerdings leider nicht. Und auch Ihr Arbeitseinkommen ist von einer Teuerung bedroht, da die Preise meist früher steigen als sie eine Lohnerhöhung bekommen.

    Und nebenbei gesagt: Wenn es tatsächlich zu einer bösartigen Währungsreform kommen sollte, dann werden nach bisherigen Beispielen Schulden deutlich weniger reduziert als Vermögen und Löhne. Überspitzt ausgedrückt: Sie könnten mit Schulden in gleicher Höhe, aber nur noch halb so viel Einkommen dastehen. Ich würde daher sagen, dass wirklich JEDER Grund hat vor den Teuerungseffekten, und erst Recht vor einer Währungsreform, Angst zu haben.

    Inflation und Teuerung ist staatlicher Diebstahl und ein sehr wirksames Mittel zur Vermögensumverteilung von unten nach oben.

  • Ich hab garkeine Angst vor Inflation, da ich unterm Strich garkein Vermögen besitze sondern Schulden, und ich denke den meisten Deutschen gehts genauso!

    @ froehlichergrieche: Worauf genau stützt du denn deine These? Oder ist dies wieder einer von diesen dummdämlichen keine Ahnung von Wirtschaft aber irgendwas sagen Kommentare? Cool bleiben das wird schon alles gut gehen!

  • Die Angst ist deshalb da,weil es in Deutschland keine Gewerkschaften mehr gibt die die Interessen der Arbeiter vertreten.Da einigen sich die Arbeitervertreter mit den Arbeitgebern nur noch bei Wein,Weib und Gesang.
    Das war wie`s scheint für die paar festangestellten Arbeiter und Angestellten bisher ok.Von der Ausgrenzung der Leiharbeiter rede ich mal gar nicht.
    Bei einer steigenden Inflation aber,müssten Gewerkschaften
    wie sie sich in den Ländern mit hoher Inflation gebildet haben in Deutschland neu erfunden werden,und das ist ein mühsamer Prozess,der in Deutschland auch scheitern kann.
    Das heißt,er wird von der Realität eingeholt,die da heißen könnte,Demographie,Arbeitskräftemangel,Abwanderung
    von Firmen und was sonst noch alles.
    Dieser Kommentar soll eine Denkanregung sein.Sollte sich ein Experte die Mühe machen wollen zu antworten,so tue er es.

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