Anlagenotstand: Stiftungen in Niedrigzinsfalle

Anlagenotstand
Stiftungen in Niedrigzinsfalle

Die historisch niedrigen Zinsen machen Stiftungen schwer zu schaffen. Diese müssen jetzt ihr Risiko erhöhen, um ihr Vermögen zu erhalten. Ein anderer Ausweg ist nicht in Sicht.

DüsseldorfTiefe Zinsen sind Anleger bereits gewohnt. Aber jetzt rutschen auch immer mehr Zinsanlagen in den Minusbereich. Zum Beispiel gibt es bei Bundesanleihen derzeit nur noch eine Negativrendite - das ist historisch einmalig und stellt den Anleger vor ein massives Problem: Er verliert Geld.

Dieses Umfeld stellt auch Stiftungen vor große Probleme. Um trotz der niedrigen Zinsen ihr Vermögen real zu erhalten, müssen deutsche Stiftungen offenbar jetzt ihr Risiko erhöhen. Fast jede dritte Stiftung habe einen Teil ihres Vermögens in ertragreichere - und damit grundsätzlich auch riskantere - Anlageformen umgeschichtet. Das zeigt eine heute veröffentlichte Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC. Dazu hat das Unternehmen die 208 vermögensstärksten Stiftungen in Deutschland befragt.

Dennoch gilt nach wie vor: Stiftungen halten an einer eher konservativen Anlagepolitik fest, um auch in den kommenden Jahren gemeinnützige Zwecke finanzieren zu können. Das durchschnittliche Portfolio einer Stiftung besteht der Untersuchung zufolge zu 35 Prozent aus Staatsanleihen, zu 25 Prozent aus Tages- und Termingeldkonten und zu 20 Prozent aus Sachwerten wie Immobilien. Nur einen sehr geringen Teil investieren die Stiftungen in Aktien und Unternehmensbeteiligungen.

Diese Portfolio-Autfteilung stellt die Stiftungen genauso wie Privatanleger vor ein massives Problem: Staatsanleihen und Festgeldkonten werfen kaum Erträge ab. Der Umfrage zufolge erzielte in den vergangenen drei Jahren nur noch jede fünfte Stiftung in Deutschland eine Durchschnittsrendite von fünf oder mehr Prozent. Bei manchen Stiftungen schrumpfte das Vermögen sogar - zumindest nach Abzug der Inflation.

Der Umfrage zufolge trifft das niedrige Zinsumfeld die Stiftungen härter als die Finanzkrise im Jahre 2009. Damals gaben gerade einmal sechs Prozent der Stiftungen an, die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise zu spüren. Dagegen zeigen sich vom Zinstief nun 38 Prozent der Stiftungen betroffen.

"Es ist bemerkenswert, wie viel spürbarer die Stiftungen unter den niedrigen Zinsen leiden, als sie 2009 unter dem Börsensturz gelitten haben. Die Frage ist deshalb, was die Stiftungen in den kommenden Jahren tun können, um ihr Vermögen real zumindest zu erhalten", sagt Norbert Winkeljohann, Sprecher des Vorstands von PwC in Deutschland.

Die aktuelle Niedrigzinsphase könnte deshalb die deutsche Stiftungslandschaft nachhaltig verändern: So gehen 95 Prozent der Umfrageteilnehmer davon aus, dass die Stiftungseinnahmen in den kommenden vier bis fünf Jahren sinken werden. Und das zulasten vieler gemeinnütziger Projekte.

Henning Jauernig
Henning Jauernig
Handelsblatt / Freier Mitarbeiter
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