Anlagestrategie
Endlich Kaufkurse!

Während Privatanleger in den vergangenen Tagen voller Angst die Reißleine gezogen haben, sehen Profis an der Börse Einstiegskurse. Warum  Christoph Bruns, Gottfried Heller und Philipp Vorndran jetzt den Bullen wittern.
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DüsseldorfUkraine und Russland, Gaza oder Irak – die Börsen sind im Krisenmodus. Mehr als zehn Prozent hat der deutsche Aktienindex binnen vier Wochen eingebüßt. Solche starken Rücksetzer mussten Anleger schon lange nicht mehr verdauen. Von seinem Hoch bei etwas mehr als 10.000 Punkten rauschte der Dax gut 1000 Punkte abwärts, fiel zeitweise sogar unter die Marke von 9.000 Punkten. Das tut weh.

Doch viele Marktteilnehmer haben nach der jahrelangen Börsenrally mit einem solchen Rücksetzer gerechnet. Mehr noch: Sie haben sogar darauf gewartet. Gottfried Heller hatte bereits Anfang Juli geraten, eine Korrektur sollten Anleger als gute Gelegenheit zum günstigen Einkauf nutzen. „Diese Chance ist jetzt gekommen“, sagt der Münchener Vermögensverwalter und ehemalige Partner von Börsenlegende André Kostolany.

Aktien kaufen, wenn es gleich auf mehreren Krisenherden gefährlich brodelt? „Politische getriebene Märkte haben meistens kurze Beine. Daher ist es immer sinnvoll kurzfristige Schwankungen als Kaufgelegenheit zu betrachten“, sagt Frank Lingohr, Chef der Vermögensverwaltung Lingohr & Partner. Der bekannte Fondsmanager Christoph Bruns glaubt deshalb auch, dass die andauernde Niedrigzinspolitik der internationalen Notenbanken für Anleger viel entscheidender ist als politische oder militärische Krisen.  Der Chef der Fondsgesellschaft Loys ist überzeugt: „Die mit Abstand größte Gefahr für Dividendentitel kommt nicht aus dem Gaza-Streifen, dem Irak oder Russland sondern von der Federal Reserve Bank in Washington.“ Auch wenn es derzeit noch nicht danach aussieht, dass die Zinsen kurz- bis mittelfristig stark ansteigen würden, wäre ein schockartiger Zinsanstieg für die Märkte eine viel größere Belastung.

Das sieht Philipp Vorndran, Anlagestratege bei Flossbach von Storch, ähnlich: „Je länger die Tiefzinsphase anhält, desto mehr werden Anleger sich mit Alternativen auseinandersetzen müssen. Gleichzeitig gewöhnen sich die Schuldner immer mehr an das billige Geld“, sagt er. „Umso schmerzhafter und damit unwahrscheinlicher wird der Weg zurück zur ‚Normalität‘“.  Der Flossbach-Experte bleibt allerdings optimistisch: „Es wäre vermessen, die Konsequenzen dieser historisch einzigartigen Entwicklung präzise antizipieren zu wollen“, sagt er. „Es spricht jedoch Vieles dafür, dass die Preise von Vermögenswerten und Finanzanlagen weiter steigen werden. Insbesondere der Aktienmarkt dürfte von dieser Entwicklung profitieren, auch wenn die Kurse in den vergangenen Jahren bereits kräftig gestiegen sind.“

Und genau weil es in den vergangenen Jahren – von Schwankungen abgesehen – mehr oder weniger ständig aufwärts gegangenen ist, war die Korrektur überfällig. „Die technische Verfassung hatte sich deutlich verschlechtert. Aktien waren überkauft“, sagt Heller. Die Krisenherde in der Ukraine, im Irak und im Nahen Osten, dazu die Sanktionen des Westens gegenüber Russland sowie die Gegenreaktion Putins – all das löste dann der überfälligen Kursrücksetzer an den Börsen aus.

Kommentare zu " Anlagestrategie: Endlich Kaufkurse!"

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  • Was die Aktienkurse anbelangt, "steht nicht nur der Herbst bevor", das wäre zu kurzfristig gedacht. Was dem Markt bevorsteht ist die unselige Politik des Übervaters der EU-Kommission, Mariao Draghi. Der verwandelt Europa in einen Geldsee in der Hoffnung, daß die Pferde endlich saufen. Aber eine Geldschwemme hat noch niemals eine Konjunktur beflügelt, denn Geld ist immer nur ein Schleier der Ideen der Güter- und Lestungsproduktion und für sich allein völlig wertlos, es sei denn, man wolle eine Inflation auslösen. Aber die läuft ja ohnehin schon, wenn man die offizielle Statistik durch eigene Messungen ersetzt. Und der europäische Zirkus Draghi ist noch längst nicht zu Ende, deshalb, Freunde, wartet noch mit dem Einstieg – es kann nur noch schlimmer werden.

  • Es steht jeden Tag ein Idiot auf, den mußt du nur finden.
    Hat mein damaliges Chefchen schon in den 70er erkannt.

  • Eine Gegenbewegung nach dem starken Fall ist natürlich.
    Erst mal sehen, ob die 200 T Linie wieder nach oben durchbrochen wird. Schon merkwürdig wenn solche Profis
    im Hochsommer den Frühling ausrufen, wo doch der Herbst
    bevorsteht!

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