Anlagestrategie in unruhigen Zeiten
Augen zu und durch?

China-Crash, Griechen-Rettung, Zinswende – die Börsen fahren Achterbahn. Viele Anleger verzweifeln am Hoch und Runter und treffen übereilte Fehlentscheidungen. Börsenaltmeister Kostolany hätte einen weisen Rat für sie.
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DüsseldorfEine kleine Panikattacke nach dem Crash in China, kurzes Aufatmen, dann wieder leichtes Herzrasen, weil schließlich die US-Notenbank tagt. Die Börse ist nichts für schwache Nerven – das haben die vergangenen Tage mal wieder eindrucksvoll gezeigt. Gebannt starren Anleger auf die Kurstafeln, deuten die täglichen Nachrichten aus Übersee mal positiv und dann doch wieder negativ. Mitunter sind sie einfach nur ratlos. All diese Emotionen lassen Investoren übereilt handeln und mitunter Fehlentscheidungen treffen. Dabei wusste doch schon Börsenaltmeister André Kostolany: „Man muss an der Börse die Augen schließen, um besser sehen zu können.“

Zugegeben, der charismatische Ungar, der für seine markigen und bildhaften Sprüche bekannt war, ist bereits seit mehr als 15 Jahren tot. Die Turbulenzen seit der Jahrtausendwende mit immerhin drei heftigen Börsencrashs und diversen schmerzhaften Rücksetzern hat er nicht mehr erlebt. Deshalb stellt sich die Frage, ob Kostolanys Aussage heute überhaupt noch stimmt.

Experten antworten mit einem klaren Ja. Ralf Zimmermann, Anlagestratege des Bankhaus Lampe, ist überzeugt, dass für erfolgreiches Investieren auch heute noch gilt: „Augen für einen Moment schließen ist nicht nur erlaubt, sondern unabdingbar.“ Man müsse sie aber wieder aufmachen, um die Übersicht nicht zu verlieren. „Die Börsen sind häufig von hektischer Kurzatmigkeit und gedankenlosem Nachplappern von Halbwahrheiten geprägt“, ergänzt er. „Die Distanz geht schnell verloren – und damit die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem, Information von Lärm zu trennen.“ Warren Buffett hätte es schließlich auch nicht geschadet, dass er in Oklahoma mitten im Nirgendwo sitzt und immer einen weiten Bogen um die Wall Street, dem vermeintlichen Nabel der Kapitalmarktwelt, gemacht habe.

Auch Niels Nauhauser kann dieser Börsenweisheit einiges abgewinnen. „Bei einem täglichen Blick auf das Geschehen an den Börsen ist die Versuchung größer, auf die Ereignisse mit Käufen und Verkäufen zu reagieren“, sagt der Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Mit ruhiger Hand fährt man langfristig aber besser, vor allem wenn man ohnehin gut aufgestellt ist, also breit gestreut mit passiven ETFs an der Wertentwicklung der verschiedenen Märkte teilnimmt.“

Ein Grundproblem, das vor allem Privatanleger haben, ist ihre falsche Risikoeinschätzung. Sie setzen das mitunter heftige Hin und Her an der Börse mit Risiko gleich. Schwankungen machen ihnen Angst. „Volatilität und Risiko sind nicht das gleiche“, sagt Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege bei Fidelity Worldwide Investment. „Die Preise von Aktien schwanken stärker als ihr intrinsischer Wert, da Märkte kurzfristig oft überreagieren. Das bedeutet, dass Volatilität Kaufgelegenheiten schaffen kann.“ Langfristig würden aber die Unternehmensgewinne die Aktienkurse bestimmen. Doch das vergessen Investoren beim täglichen Blick auf die Kurse leider schnell. Allzu oft versuchen sie aus den Kurskapriolen Profit zu schlagen – Market Timing nennen Experten das. Doch nur selten sind sie damit erfolgreich. „Anleger, die in schwankenden Märkten aus- und wieder einsteigen, laufen Gefahr, die besten Erholungstage an den Börsen zu verpassen“, so Roemheld. „Für die langfristige Wertentwicklung kann es bereits schwerwiegende Folgen haben, wenn ein Anleger lediglich die fünf besten Börsentage eines Jahres verpasst.“

Kommentare zu " Anlagestrategie in unruhigen Zeiten: Augen zu und durch?"

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  • Herr Spiegel, von seiner Lampe und den Schatten schreibt er nichts.
    Offenbar ein Erfolg des Sozial-Teams.

  • Schneiderchen?????

  • Vor 20 Jahren wäre der Artikel noch diskutabel gewesen. Heute ist er obsolet, auch wenn natürlich die befragten "Experten" alle gerne ihre Ratschläge von sich geben.

    Real ist heute festzustellen: Privatanleger haben nicht das Finanzvolumen um Kurse zu bestimmen. Diese werden bestimmt durch den (Hochfrequenz-)Computerhandel. Dieser mag alles mögliche sein, aber Emotionen spielen dabei gar keine Rolle. Die Akteure haben Computerprogramme gegeneinander laufen, Nachrichten werden nach Stichworten vom Rechner in Sekundenbruchteilen durchsucht und dementsprechend Orders erteilt. Keine hat darüber einen Überblick, weil ja die Computerprogramme das Geschäftsgeheimnis des jeweiligen Betreibers ist.

    Achja... und wenn das alles zusammenfällt, dann läßt man sich vom Steuerzahler retten...

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