Anlagestrategie
Stürzen die Märkte über die Klippe?

Die Aktienkurse steigen - und dafür gibt es gute Gründe. Die größte Gefahr, die den Märkten in den kommenden Wochen droht, scheinen die Investoren bislang allerdings zu ignorieren. Meint ein Banker.
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Als das Jahr 2012 begann, wurde es "das Jahr der Politik" genannt. Unzählige Faktoren sorgten unter den Anlegern für Unsicherheit, darunter mehr als fünfzig bevorstehende Wahlen, die weltweite Konjunkturabschwächung, die Furcht vor einer harten Landung in China, ein mögliches Auseinanderbrechen der Eurozone und eine Double-Dip-Rezession in den USA. Bis zum Jahresende werden wir Zeuge von

Führungswechseln oder Wahlen in vier der fünf größten Volkswirtschaften der Welt geworden sein.

China hat eine harte Landung verhindert und gerade erst in diesem Monat den Führungswechsel vollzogen. Die neue Regierung dürfte der Stabilität kurzfristig Vorrang gegenüber größeren Reformen gewähren und so die Risiken mindern. Chinas Konjunktur scheint im dritten Quartal die Talsohle erreicht zu haben, auch dank der Anreize der scheidenden Regierung.

Die Handelsdaten, die Industrieproduktion und der Einkaufsmanagerindex haben die Märkte im vergangenen Monat positiv überrascht. Wir glauben, dass das Wachstum künftig von den höheren Sachinvestitionen und einem Anstieg der Exporte weitere Unterstützung erhalten wird. Die Inflation ist unter Kontrolle gebracht.

In Europa ist die Gefahr, dass die Eurozone auseinander bricht, erheblich geringer geworden als vor einem Jahr. Die Fortschritte bei dauerhaften politischen Reformen, etwa bei Transferzahlungen oder der Ausgabe gemeinsamer Anleihen, sind begrenzt. Doch die Bereitschaft ist gewachsen, kurzfristige Lösungen zu entwickeln. Das Versprechen von Mario Draghi, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank, "alles Notwendige zu tun", um die Einheitswährung zu retten, hat den Einzelstaaten mehr Zeit verschafft, sich ihrer strukturellen Probleme anzunehmen.

Die CDS-Spreads fünfjähriger spanischer und italienischer Staatsanleihen haben sich seit Draghis Rede mehr als halbiert. Griechenland wiederum erhält trotz der verfehlten Defizit- und Sparziele weitere Hilfen. Die Konjunkturdaten in der Eurozone bleiben schwach, lieferten im letzten Monat aber verhaltene Signale für eine Erholung. So gelang Deutschland nach mehreren Monaten mit schwachen Daten eine deutliche Wende – der ifo-Geschäftsklimaindex, ein wichtiger Frühindikator, stieg von 100,0 im Oktober auf 101,4 im November.

Da die kurzfristigen Risiken in China und der Eurozone abgenommen haben, ist es nun an der Zeit, das Risiko im Portfolio zu erhöhen? Trotz eines lustlosen Monats November hat der Aktienindex MSCI World seit Jahresbeginn kräftig um rund 10 Prozent zugelegt, was die Abnahme der erwähnten politischen und wirtschaftlichen Risiken spiegelt. Allerdings hat der Markt die größte noch verbliebene Gefahr, die im letzten Monat des Jahres der Politik droht, noch nicht in die Kurse eingerechnet – den möglichen Sturz der USA von der «fiskalischen Klippe». Republikaner und Demokraten bleiben gespalten in der Frage, wie die USA ihr Defizit am besten reduzieren können. Und ohne einen Kompromiss würden automatische Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen in Höhe von 607 Milliarden US-Dollar, die USA im ersten Halbjahr 2013 in eine Rezession rutschen lassen.

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