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Anleger sollten Aktien gezielter kaufen

Die Konzentration auf gewisse Branchen gilt als ausgereizt. Jetzt raten Experten zur Auswahl einzelner Werte. Die nächsten Quartalsbilanzen können dabei helfen.

DÜSSELDORF. Nach den deutlichen Kurssteigerungen im vergangenen halben Jahr müssen die Anleger jetzt genauer hinschauen, wenn die Rendite stimmen soll. Genügte es in den vergangenen Monaten, auf die richtige Branche – etwa Technologie- oder Finanzwerte – zu setzen, halten Börsenprofis mittlerweile nur noch eine strikte Einzeltitelauswahl für Erfolg versprechend.

„Die Investoren haben in den vergangenen Monaten stark auf die Werte geschaut, die zuvor zurück geblieben sind“, bestätigt Bernd Janssen, der das Deutschland-Research der UBS leitet. Gerade institutionelle Investoren hätten die Aktien gekauft, die sie bis dato in ihren Portfolios untergewichtet hätten. Die wirtschaftliche Lage der Unternehmen trat dabei bisweilen in den Hintergrund. „Gerade zu Beginn der Kurserholung wurde innerhalb der Branchen wenig selektiert“, hat Peter Worel, Leiter der Aktienanalyse der Bayerischen Landesbank, beobachtet: Viele Institutionelle, die einen Branchenansatz fahren, hatten teils pauschal auf Werte aus konjunkturnahen Branchen gesetzt.

Inzwischen ist bei den Aktienkäufern aber wieder mehr Vorsicht eingekehrt. Zwar erwartet die Mehrzahl der Bankstrategen für das kommende Jahr weiter steigende Kurse, allerdings – so die Prognose – wird sich das Tempo an der Börse deutlich verringern. Das bringt die Frage nach den Favoriten erneut auf die Tagesordnung. Allein auf das klassische Rotationsprinzip – Zykliker für den Aufschwung, Defensivtitel wie etwa Versorger in schwächeren Zeiten – verlassen sich die Experten bei der Aktienauswahl nicht mehr.

Bis zur Vorlage der Bilanzen für das dritte Quartal im Oktober/November werden nach Ansicht des UBS-Strategen Janssen die Vorgaben des amerikanischen Marktes und die Entwicklung des Dollars die Stimmung an der Börse beherrschen. „Das sollte die defensiven Titel kurzzeitig noch einmal in den Vordergrund rücken“, erwartet Janssen. Danach werde der Markt aber zunehmend auf den fundamentalen Hintergrund der Unternehmen schauen: „Gewinner werden die Titel sein, die ihre Prognosen im zweiten Halbjahr tatsächlich erreichen können“, sagt Janssen. Während er beispielsweise bei den Banken und den Versorgern sowie bei einer Reihe von Einzelwerten wie BASF, Deutscher Post, Metro und SAP ziemlich sicher ist, dass diese ihre Ziele erreichen werden, hält er die Prognosen der Automobilhersteller für „relativ ambitioniert“.

Horst Soulier, Leiter der Aktienanalyse der Landesbank Baden- Württemberg, setzt hingegen kurzfristig noch auf zyklische Werte: „Der Markt ist zuletzt doch sehr stark runter gekommen, und wir erwarten, dass er in den kommenden Wochen wieder Boden gut macht“, sagt er. Nachholbedarf hätten aktuell noch Versicherer, Autohersteller und Industrie-Aktien. Allerdings sieht auch Soulier die Bilanzsaison als den entscheidenden Zeitpunkt, um von einem Branchenansatz auf Einzeltitelselektion umzustellen. „Jene Unternehmen, die sich trauen, klarere Hinweise über die zukünftige Geschäftserwartungen zu geben, werden vom Markt dafür in der Folge belohnt werden.“

Mehr Bedeutung werde künftig auch der Frage der Kostenkontrolle zukommen, sagt Peter Worel. Falls der Aufschwung – wie von der BayernLB unterstellt – 2004 kommt, werden „die Unternehmen überproportional profitieren, welche die Krise genutzt haben, um ihre Kosten in den Griff zu bekommen“. Zwar rät Worel zu einer vorsichtigen Übergewichtung zyklischer Aktien; das bedeute aber nicht, dass nicht auch in anderen Branchen vielversprechende Werte zu finden seien: „Uns gefallen eine Reihe von Telekomaktien, weil die Unternehmen ihre Verschuldung weitgehend unter Kontrolle haben und vor allem der Festnetzbereich gute Chancen bietet“, sagt Worel. Daneben hat er eine Reihe von Favoriten aus den unterschiedlichsten Branchen: Neben den Zyklikern MAN, MG Technologies, Lufthansa und Continental gefallen ihm beispielsweise die Versorger RWE und Eon sowie die Deutsche Post und Fraport.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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