Anlegermesse
Schokolade statt Aktien

DÜSSELDORF. Für Anlage-Profis würde man die beiden Herren nicht halten. In ihrer legeren Kleidung – verknitterte Hose, Hemd und Weste – sehen sie aus, als kämen sie von einem Angelausflug und nicht von einer Finanzmesse. Tatsächlich sind sie aber stundenlang über die Internationale Anlegermesse (IAM) in Düsseldorf gelaufen und haben sich über neue Anlagemöglichkeiten informiert. Der eine, 80 Jahre alt, hält 80 Unternehmen, sein 76-jähriger Gefährte hat 40 Titel im Portfolio. Beide sind alte Hasen im Aktiengeschäft – vier Jahrzehnte schon sind sie dabei. Sie stehen im Plus mit ihren Aktien – und sagen, sie seien es schon immer gewesen: „Der neue Markt war nichts für uns“, kommt es wie aus einem Mund.

Jetzt fühlen sie sich schwer beladen – mit Broschüren von Banken, Fondsgesellschaften und Vermögensberatern. Und ein bisschen verstimmt sind sie auch. Darüber, dass so wenige der großen Dax-Unternehmen auf der Messe waren. „Die Konzerne sind das ihren Aktionären schuldig, ihre Informationen sind besser, als die von Banken oder Vermögensverwaltern“, sagt der Jüngere. Siemens hätten sie gerne auf der Messe gesehen, aber auch Sal. Oppenheim. Die IAM kämpft mit sinkendem Interesse. Seit dem Crash vor sechs Jahren können die Veranstalter von fünfstelligen Besucherzahlen nicht mal mehr träumen: Auf rund 8 000 Gäste hofft Wilhelm Niedergöker, Geschäftsführer der Messe Düsseldorf, dieses Mal, mehr sei nicht zu schaffen. Die Tickets sind verstärkt verlost worden. So kommt es, dass auch einige Studenten hergelockt wurden. Die jungen Leute greifen jedoch hauptsächlich die Werbegeschenke ab und sind bepackt mit Tüten voller Kulis, Schlüsselbänder und Blöcken.

Das Deutsche Aktieninstitut hat längst schon registriert, dass in Deutschland die Zahl der Aktionäre drastisch zurückgeht (siehe „Banken warten auf Anleger“). Die Deutsche Post will das bis jetzt noch nicht so stark gespürt haben. Die Zahl ihrer Aktionäre sei zwar geschrumpft, sagt Tjark Schütte, Verantwortlicher für die Privatanleger, doch die hielten mehr Aktien. Durch die Ausstellergassen ist der Stand gut zu erkennen: knallgelb leuchtet er den Besuchern entgegen. „Privatanleger sind ein stabilisierender Faktor – sie investieren länger und intensiver, wenn sie über das Unternehmen gut unterrichtet sind“, begründet Schütte den Aufwand.

Was boomt, ist das Sparen mit Zertifikaten. Das Deutsche Derivate Forum gibt für den Monat Juli ein Wachstum von 3,8 Prozent an, die Investments der Deutschen haben gerade die Marke von 100 Mrd. Euro überschritten. Die Deutsche Bank ist mit ihrer Zertifikate-Abteilung X-Marktes am Start und auch bei BNP sowie Goldman Sachs werden dem Publikum Zertifikate ans Herz gelegt. „Es gibt auch Zertifikate, die in Seitwärtsmärkten rentabel sind“, sagt Dirk Urnomeit von Goldman Sachs. Sie nähmen auch Trends wie etwa Rohstoffe schneller auf. Stefan Armbruster von der Deutschen Bank schwärmt, dass diese Produkte einen gewissen „Puffer“ böten: nicht so spekulativ wie Aktien und nicht so konservativ wie Anleihen seien sie. Die Besitzer von Zertifikaten seien aktiv und gut informiert, lobt er die Kunden.

Ein Glück, dass die Profis außer Hörweite sitzen, die auf einem Podium gerade vor Zertifikaten warnen. Sehr sparsam sollten Anleger solche Produkte kaufen, denn sie kosten viel Gebühren und seien schwer durchschaubar, sagen sie. Für ihre wohlhabenden Kunden kauften sie lieber die Ursprungsprodukte: Aktien und Anleihen.

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