Anlegerpsychologie
Börse: Alles reine Nervensache

Die Psychologie spielt an den Börsen in diesen Tagen eine entscheidende Rolle. Mehr als Unternehmenszahlen und Konjunkturdaten ist es die Hoffnung, die die Rally antreibt. Warum die Psyche die Kurse bestimmt - und Anleger in die Falle treiben kann.

FRANKFURT. Es war fast wie im Rausch. An der Börse stiegen die Kurse innerhalb weniger Wochen auf neue Rekordstände. Seit dem März ist der Dax um fast 2 000 Zähler bis auf 5 400 Punkte geklettert. Inzwischen kosten die meisten Aktien wieder so viel wie vor der Lehman-Pleite. Gleichzeitig wächst aber auch die Unsicherheit. An jedem Tag, an dem die Kurse einmal nicht steigen, geht die Angst vor dem großen Knall um. Der blieb bisher aus - aber wie lange noch? Die Börsianer sind hin und hergerissen.

"Viele haben die Rally nicht mitgemacht und sind unter Zugzwang. Sie brauchen einen Vorwand, um doch noch einzusteigen", sagt Joachim Goldberg von Cognitrend. Dazu müssten dann "ein paar zufällig ausgewählte Wirtschaftsdaten" herhalten. Goldberg befasst sich beruflich mit der Psyche der Anleger und mit ihren Stimmungen. Seine recht junge Disziplin im Kanon der Wirtschaftswissenschaften nennt sich Behavioral Finance oder Verhaltensökonomik. Die Psychologie, sagt Goldberg, beeinflusst die Kurse derzeit weit mehr als Zahlen.

Zwar deuten einige Konjunkturdaten auf ein Ende der Rezession hin. So stiegen die deutschen Exporte zuletzt so stark wie seit fast drei Jahren nicht mehr. Außerdem legten die meisten Unternehmen Zahlen vor, die über den Erwartungen der Analysten lagen. Manche Experten verweisen auch auf Erfahrungen aus der Vergangenheit und ziehen Parallelen zur letzten großen Krise. Beinahe unbemerkt startete der Dax im Frühjahr 2003 seine mehrjährige Rally, obwohl die Wirtschaft damals noch danieder lag.

Jetzt wünschen sich alle, dass es wieder so kommt. Die Hoffnung ist groß, sicher ist der Aufschwung aber noch lange nicht. "Die Entwicklung der letzten Wochen wurde nicht so sehr von ökonomischen Erkenntnissen, sondern vor allem von der Hoffnung getragen, dass man möglichst schnell aus dem Tal herauskommt", sagt Heinz-Kurt Wahren, Experte für Behavioral-Finance und Autor des Buches "Anlegerpsychologie". Schon wenige negative Nachrichten reichten aus, um die Stimmung kippen zu lassen.

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