Anleihekurse normalisieren sich
An Japans Bondmarkt steigt das Risiko

Japans Anleihemarkt ist mit Abstand der größte der Welt. Und obwohl er ein solches Eigenleben führt, ist er im Moment im Fokus der Finanzwelt. Innerhalb eines knappen Monats haben sich die mit 0,43 % historisch niedrigen Renditen auf zehnjährige Staatsanleihen fast verdreifacht.

TOKIO. Ängste gehen um, dass im Zuge einer überraschend guten Aktien- und Konjunkturentwicklung in Japan die Anleihepreise ins Bodenlose stürzen, die Anleihenrenditen, die sich gegensätzlich zu den Kursen entwickeln, explodieren.

Doch Ökonomen und Investoren in Tokio beruhigen. Die meisten sehen eine Stabilisierung der Rendite um die 1 %, einige gehen bis zu 1,4 %. Gestern bestärkte der Markt diese Auffassung. Die wieder als günstig aufgefassten fünfjährigen Anleihen legten den stärksten Kursgewinn in zwei Jahren hin. Auch die zehnjährigen Anleihen stiegen nach verlustreichen Tagen. Die Rendite fiel um 5 Basispunkte auf 1,105 %.

Doch was passiert, wenn die Zinsen im Zuge einer Wirtschaftserholung richtig steigen? Dann könnte Japans Rentenmarkt das nächste Pulverfass werden. Am Volumen des Anleihemarkts halten Investoren aus dem Ausland gerade 5 %. Die inländische Dominanz führt dazu, dass Rating-Agenturen Japans Staatsanleihen wegen der hohen Staatsverschuldung auf dem gleichen Niveau einstufen wie die von Botswana, diese aber dennoch mit niedrigen Coupons gekauft werden.

Die institutionellen Anleger strömten in den vergangenen Jahren geradezu in japanische Staatsanleihen. Aktien und Immobilien waren keine Alternative. Die Banken sind gar gesetzlich gezwungen, sich von einem Teil ihres Aktienbesitzes zu trennen. Und das zusätzliche Geld, das die japanische Notenbank (BOJ) in das Finanzsystem pumpte, steckten sie ebenfalls in Staatsanleihen. Die Zinsen würden unten bleiben, war man sich sicher, hatte die BOJ doch 2001 versichert, bei ihrer Quasi-Nullzinspolitik zu bleiben, solange Deflation herrscht. Diese Überzeugung schwankte in den vergangenen Wochen.

Steigende Zinsen könnten das Problem werden

Mittlerweile ist die vorherrschende Meinung, dass Wirtschaftsflaute und Deflation die Zinsen der BOJ noch ein bis zwei Jahre bei Null halten werden. Das beruhigt den Anleihemarkt, auch wenn die Volatilität noch eine Weile anhalten dürfte, wie nicht nur Analysten der NikkoCitigroup schätzen. Investoren setzen so auf kurzfristige Anleihen

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Denn irgendwann wird Japan der Deflation entfliehen. Steigende Zinsen könnten dann das neue Problem werden. Japans Großbanken gleichen Verluste auf ihre Anleihebestände durch steigende Aktienkurse aus, sagt Analyst Mutsuo Suzuki von Moody’s. Doch bei den Regionalbanken, die nicht so viele Aktien, aber reichlich Anleihen halten, könnten so die nächsten Bilanzprobleme auftauchen. Zudem steigt im Zug der Anleihenrendite der Kredit-Zinssatz. Das könnte für zahlreiche Firmen das Aus bedeuten, die sich derzeit nur durch hangeln, weil die Zinsbelastung fast Null ist. Ökonomen fordern deshalb höhere Zinsen. „Kurzfristig werden die Folgen aber schmerzhaft sein“, sagt Suzuki.

Der dritte Brennpunkt ist der japanische Staat. Keine entwickelte Volkswirtschaft der Welt ist gemessen am Bruttoinlandsprodukt so hoch verschuldet wie Japan, das mit sicheren Schritten auf die 150 % zugeht. Schon jetzt zahlt Tokio geringe Risikoaufschläge im Vergleich zu Yen-nominierten Anleihen von Ländern wie etwa Italien. Und die Neuverschuldung geht weiter. Könnte Japans Staat eine höhere Zinslast überhaupt schultern? „Die Wirtschaft nähert sich langsam einem kritischen Punkt, wo es nicht länger eine Option ist, einfach auf Zeit zu spielen“, sagt Toshihi Tomita vom Nomura Forschungsinstitut.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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