Antonio Sommese im Interview
„Die Rally wird in sich zusammenfallen“

Der Dax steigt und steigt. Auch im kommenden Jahr sollen die Kurse weiter klettern, heißt es in den Ausblicken vieler Banken. Der Vermögensberater Antonio Sommese sieht das ganz anders.
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Als Finanzberater reden Sie häufig mit Ihren Kunden. Worüber wird derzeit am meisten gesprochen - die Dax-Rally?

Es ist nach wie vor die Euro-Krise. Nach Rally ist den Leuten nicht zumute, das können Sie mir glauben. Es geht darum, das Vermögen zu schützen und am Ende eine Rendite zu bekommen, die oberhalb der Inflationsrate liegt. Das ist bei dem derzeitigen Marktumfeld schwer genug.

Viele Ihrer Kollegen sagen, das ginge nur mit Aktien. Und  weil die obendrein günstig bewertet seien, lohne ein Einstieg noch immer. Was meinen Sie?

Viele gehen mit dieser Einschätzung derzeit geradezu hausieren, stimmt. Ich traue dem Frieden an der Börse trotzdem nicht. Anleger sollten das Risiko, auf dem jetzigen Niveau noch einzusteigen, nicht unterschätzen. Die Chance, damit auf die Nase zu fallen, ist größer als die Aussicht auf üppige Gewinne. Ich muss den letzten zehn Prozent nicht unbedingt hinterherjagen. 

Viele Investoren sehen das offenbar anders, sonst würden die Kurse nicht steigen.

Die Rally der vergangenen Monate ist liquiditätsgetrieben. Es ist zu viel Geld da, das halbwegs rentabel angelegt werden will. Aber wenn man in die Historie blickt, wird man schnell feststellen, dass dergleichen Aufschwünge schnell in sich zusammenfallen, weil ihnen das solide Fundament fehlt. So schnell wie das Geld an die Börse geflossen ist, so schnell verschwindet es auch wieder. Mit den entsprechenden Folgen für die Aktienkurse. 

Aber wohin sollen die Anleger denn dann hin mit ihrem Geld?

Sie werden jetzt vermutlich denken, wie langweilig, das habe ich schon tausendmal gehört. Aber das macht überhaupt nichts, denn man kann es nicht oft genug sagen: Das Wichtigste ist es, sein Vermögen auf verschiedene Anlageklassen aufzuteilen; zu streuen, wie es so schön heißt. Etwas in Anleihen, etwas in Aktien, ein Teil in Rohstoffe und Immobilien.

Staatsanleihen braucht doch kein Mensch.

Warum denn nicht? Es kommt auf die Staaten an. Wenn Sie mit Staatsanleihen nur die europäischen Schuldpapiere meinen, mögen Sie Recht haben. Anleger sollten aber über den Tellerrand hinausschauen, nach Australien etwa oder in die stark wachsenden Schwellenländer in Asien. Sie sind nicht so hoch verschuldet wie Amerikaner und Europäer; die Bevölkerung dort ist jung, wächst anders als in den alten Industrienationen stark. Es gibt einige Mischfonds auf dem Markt, die mir gefallen, weil sie das Thema Schwellenländer sehr gut abbilden.

Gibt es ein Land, das Sie meiden?

Ja, Russland. Ist mir aufgrund der rechtlichen Situation schlicht zu unsicher.

Wie geht es weiter an den Märkten?

Ich habe leider keine Glaskugel. Gewiss ist, dass die Eurokrise uns noch eine ganze Weile beschäftigen wird, mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Märkte und unser täglich Leben. Wie verrückt das Ganze mittlerweile ist, zeigt, dass Wörter wie "Rettungsroutine" in unseren Sprachgebrauch Eingang gefunden haben. Völlig absurd!

Dummerweise können sich Privatanleger dem nicht entziehen.

Das stimmt. Allerdings empfehle ich meinen Kunden, Geld nicht nur als Wertaufbewahrungsmittel anzusehen. Wir sollten uns auch etwas gönnen. Eine Reise, ein schönes Auto, was auch immer Freude bereitet. Geld ist nicht nur dafür da, dass es sich vermehrt. Sicher, es ist ein wichtiges Thema, aber es ist nicht das Wichtigste im Leben. Das sollten wir bei all den Ängsten und dem Krisengerede nicht vergessen.

 

Antonio Sommese ist selbstständiger Finanzberater und -Coach in Mainz. Vor kurzem ist im Finanzbuchverlag sein drittes Buch "Der Finanzcoach für alle Anlageklassen" erschienen.

Christian Panster
Christian Panster
Handelsblatt Online / Ressortleiter Finanzen

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  • Warum Fresenius bietet 5,5 % per Anno,Dürr fast 6%,andere deutsche Unternehmen sogar 8%- für Unternehmensanleihen super Werte.

  • In der BWL gibt es den Begriff der selbsterfüllenden Prophezeiung, soll heißen: wenn alle sagen es wird schlecht dann wird es schlecht. Ich persönlich sehe noch nicht einen Zusammenbruch, sicher werden einige Werte zurückgehen, aber auch andere, wie die Commerzbank z.B., werden steigen.

  • Genau aus solchen Aussagen waren noch jede Hausse der Vergangenheit getrieben. Und: JEDE, ausnahmslose JEDE Hausse am Aktienmarkt war in ihrem Ausgangspunkt liquiditätsgetrieben!

    Wenn die Liquidität abhanden kommt, dann geht es mit den Aktienkursen bergab, da hat der "Berater" Recht. Nur: wohin soll es denn entweichen, das überschüssige Geld? Es steckt noch kaum großes Geld in den Aktienmärkten, das steckt nach wie vor hauptsächlich in den vermeintlich sicheren deutschen Staatsanleihen. Und in Unternehmensanleihen, die ob ihrer Nachhaltigkeit ein Widerspruch in sich sind. Wenn es von dort abgezogen wird, wohin soll es dann? Weiterhin in Anleihen, die mit 1,2% rentieren? In Gold, das eine besipiellose Hausse schon hinter sich hat? In Rohstoffe - der Herr Berater glaubt ja nicht an die Konjunktur? Und Rohöl und Gas sind bereits strukturell auf dem Weg nach unten. Akien sind Sachwerte, deren dahinterstehende Gegenwerte über die herausragende Eigenschaft verfügen, Werte zu schaffen, an denen der Aktionär partizipiert. Es gibt über lange Zeiträume keine echte Alternative zum Investment in Aktien. Gerade in Zeiten wie heute und völlig unabhängig davon, ob es nochmal ein bisschen abwärts geht oder nicht. Ob es deutsche Aktien sein müssen, sei dahin gestellt. Aber deutsche Anleihen müssen es meines Erachtens ganz sicher nicht sein.

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