Aufschwung nimmt Fahrt auf
Japan-Anleger schöpfen Hoffnung

Sinkende Arbeitslosenzahlen und der anziehende private Konsum sorgen für Kursphantasie am Aktienmarkt in Fernost.

DÜSSELDORF. Japan ist wieder da. Nach einem Jahrzehnt des wirtschaftlichen Abschwungs nimmt die zweitgrößte Volkswirtschaft wieder Fahrt auf. Im vergangenen Quartal stieg das japanische Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 1,4 Prozent. Gegenüber dem gleichen Zeitraum im Vorjahr betrug der Anstieg gar 5,6 Prozent. Aktienmarkt-Strategen prognostizieren bereits ein „Jahrzehnt des Wachstums“ – sowohl für die japanische Volkswirtschaft als auch für den Aktienmarkt.

In den vergangenen Wochen ging es in Tokio jedoch erst einmal abwärts. Sorgen vor einer Zinserhöhung in den USA und einem Abflauen des Wirtschaftswachstums in China drückten den Leitindex der Tokioter Börse, den Nikkei 225, in den Bereich von 11 000 Punkten zurück. Noch vor Monatsfrist notierte er gut 1000 Punkte höher. Experten hat der Rückschlag in ihrer Zuversicht allerdings noch bestärkt: „Der japanische Aktienmarkt ist unterbewertet. Wir waren zuversichtlich für Japan und sind es nach der Korrektur erst recht“, sagt Tom Elliott, Stratege der Fondsgesellschaft JPMorgan Fleming.

Seinen Optimismus gründet Elliott auf einer Reihe von Faktoren: „Die Unternehmen haben die Profitabilität steigern können und erzielen höhere Gewinnmargen, die Export-Nachfrage aus China und den USA ist hoch und auch der inländische Konsum zieht langsam an.“ Nicht zuletzt hofft der Stratege, dass die jahrelange Deflation, der schleichende Verfall der Preise, bald überwunden sein wird. Die Anzeichen hierfür verdichten sich: Erstmals seit zehn Jahren steigen wieder in einigen Vierteln der Hauptstadt Tokio die Immobilienpreise. Und am Arbeitsmarkt, wo die Stellenangebote der Unternehmen die Zahl der Arbeitsuchenden deutlich übersteigen, dürften die Löhne schon bald anziehen.

Vor allem aber dürfte der Rückgang der Arbeitslosigkeit die Kauflust der Japaner stärken. „Die Erholung am Arbeitsmarkt wird zu einer nachhaltigen Verbesserung des privaten Konsums führen“, erwartet Naoki Murakami von der Investmentbank Goldman Sachs. Schon im April sei der Konsum sehr robust gewesen. „Unter dem Strich dürfte dies dazu führen, dass das Bruttoinlandsprodukt im laufenden Quartal erneut die Erwartungen übersteigt“, schreibt Murakami in einer Analyse.

Auf Nippons Verbraucher setzt auch Rainer Vermehren, Fondsmanager mit Schwerpunkt Asien bei der Fondsgesellschaft DWS. „Wenn die Erholung, die wir jetzt in der Industrie sehen, auch auf den Konsum durchschlägt, werden wir in Japan nicht nur eine zyklische Erholung, sondern eine strukturelle Verbesserung der Wirtschaft sehen.“ Dann sei ein mehrjähriger Aufschwung mit hohen Wachstumsraten zu erwarten, sagt Vermehren.

Bereits seit Oktober vergangenen Jahres hat die DWS in ihren globalen Depots den Anteil japanischer Aktien übergewichtet. Innerhalb des Marktes setzt Vermehren jetzt auf Branchen, die von einer stärkeren Binnennachfrage profitieren – beispielsweise Einzelhandelsaktien. Daneben hat er das Gewicht von Bau- und Immobilien-Werten im Portfolio erhöht, weil er hier das größte Aufholpotenzial sieht. Chancen sieht Vermehren schließlich auch im Bankensektor, auch wenn die Kurse hier bereits stark angezogen haben: „Die Banken zählen zu den größten Profiteuren, wenn die Gesamtkonjunktur anzieht“, erklärt der Fondsmanager.

Beim Thema Banken scheiden sich allerdings die Geister. Nicht alle Beobachter sehen die japanische Finanz-Branche nach deren Beinahe-Kollaps schon über den Berg: „Der hohe Bestand an faulen Krediten, den die Banken mit sich herum tragen, bereitet uns noch Sorgen“, gesteht JPMorgan-Fleming- Stratege Elliott. Er rät daher zur Untergewichtung von Finanzwerten im Portfolio. Statt dessen bevorzugt er Aktien von Unternehmen, die gute Geschäfte in China machen. Dies sind vor allem Rohstoffkonzerne, aber auch Maschinenbauer.

Was aber passiert, wenn sich die Wirtschaft in China doch stärker abkühlen sollte als erwartet – und gleichzeitig auch noch die US-Konjunktur ins Stocken gerät? „Für die japanische Wirtschaft und den Aktienmarkt wäre das ein Problem“, sagt Elliott. Je schneller jedoch der private Konsum ins Rollen komme, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Kurse von der globalen Entwicklung abkoppeln.

Gelingt dies, sehen Strategen Potenzial für die japanischen Aktien. DWS-Fondsmanager Vermehren sieht den Nikkei am Jahresende bei 14 000 Punkten. Das wäre zum aktuellen Niveau ein Plus von mehr als 25 Prozent.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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