Ausschüttungspolitik Trotz Rekorddividende – Anlegerschützer kritisieren Risikoprämie

Im laufenden Jahr lassen Unternehmen 50 Milliarden Euro über die Börsianer regnen. Trotzdem kritisieren Anlegerschützer die Ausschüttungspolitik.
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Vergleicht man den Firmengewinn, knausern Unternehmen bei der Dividende. Quelle: Imago
Ausschüttung an die Aktionäre

Vergleicht man den Firmengewinn, knausern Unternehmen bei der Dividende.

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FrankfurtEs ist ein beispielloser Geldregen, der auf die Aktionäre niedergeht: Die börsennotierten deutschen Unternehmen zahlen ihren Eigentümern im laufenden Jahr über 50 Milliarden Euro an Dividenden aus. Das ist zwar ein neuer Rekord. Allerdings klagt Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), als Stimme der Aktionäre: „Wir sind nach wie vor mit dem Anteil des Gewinns, der an die Aktionäre ausgeschüttet wird, nicht zufrieden.“ Er hält die Risikoprämie für Anleger für zu niedrig.

Das ist alarmierend. Denn in Zeiten, in denen risikoarme Anleihen, Festgeld oder Sparkonten nur Minirenditen abwerfen, gelten Aktien als attraktive Alternative bei der Anlage. Die Dividende wird oftmals von Kapitalmarktprofis als der neue Zins bezeichnet. Doch es zeigt sich, dass die Unternehmen bei den Ausschüttungen im Vergleich zu den Firmengewinnen knausern.

„Wir halten eine Quote von 50 Prozent als Risikoprämie für die Aktionäre für durchaus gerechtfertigt. Doch statt sich der Zahl anzunähern, müssen wir leider konstatieren, dass etliche Unternehmen die hohen Gewinne dazu nutzen, die Ausschüttungsquoten weiter zu reduzieren“, sagt DSW-Chef Tüngler.

Seit Jahren trommeln Geldprofis für die Investition in Aktien. „Wegen der Niedrigzinspolitik der Notenbanken bleiben Dividendentitel für Anleger, die langfristig Geld verdienen möchten, ein Muss“, sagt etwa Robert Halver, Chefanalyst bei der Baader Bank. Als ein maßgebliches Argument dient ihnen die Dividendenrendite, die bei den Aktien aus den deutschen Auswahlindizes im Schnitt 2,5 Prozent beträgt.

Das entspricht in etwa dem zweieinhalbfachen Wert, den beispielsweise Firmenbonds mit fünfjähriger Laufzeit bieten. Bei Bundesanleihen ist selbst mit noch längeren Laufzeiten nur ein Bruchteil dieser Erträge erzielbar. „Ausschüttungsstarke Aktien bieten zudem ein ordentliches Risikopolster gegen Kursschwankungen”, ergänzt Halver. Mit soliden deutschen Titeln seien derzeit bis zu sechs Prozent Dividendenrendite möglich.

Seit 2015 ist der Anteil der Ausschüttungen jedoch gesunken. Bei den Firmen aus den vier meistbeachteten Börsenindizes Dax, MDax, SDax und TecDax ging die Quote im Schnitt von 45 Prozent auf 42 Prozent zurück (siehe Grafik). Im Leitindex Dax fällt die sogenannte „Payout-Quote“ besonders krass aus. Bei fast jedem zweiten Unternehmen liegt sie sogar unter einem Drittel. Abseits der Auswahlindizes ist die Quote innerhalb von vier Jahren gar um sieben Prozentpunkte geschrumpft.

Doch der relative Anteil an den Firmengewinnen wird überdeckt von der absoluten Höhe der Dividenden. Denn die Ausschüttungen selbst fallen oftmals höher aus als im Vorjahr. Wenn etwa bei der nächsten Hauptversammlung der im Dax gelisteten Deutschen Post am kommenden Dienstag die Aktionäre im Bonner World Conference Center dem Vorschlag des Vorstands und Aufsichtsrats zustimmen, werden sie drei Tage später 1,15 Euro Dividende je Anteilsschein auf ihrem Wertpapierkonto gutgeschrieben bekommen. Damit liegt sie knapp ein Zehntel höher als noch im Vorjahr.

Viele Unternehmen heben ihre Dividende an

Der führende deutsche Logistikkonzern spart im Vergleich zum Durchschnitt bei den heimischen Aktiengesellschaften. Denn die schütten im laufenden Jahr insgesamt elf Prozent mehr aus als 2017. Das ergibt sich aus einer Studie, die am Dienstag in Frankfurt vom isf Institute for Strategic Finance der FOM Hochschule und der DSW vorgestellt worden ist.

Doch die aktuelle Dividendensaison bricht nicht nur bei der Ausschüttungssumme alle Rekorde: „Genauso bemerkenswert ist, dass von den 160 Unternehmen der Dax-Familie – also Dax, MDax, SDax und TecDax – über zwei Drittel die Dividende anheben und nicht einmal mehr 20 Firmen ihre Aktionäre leer ausgehen lassen“, betont Studienautor Christian Röhl vom Analysedienst „DividendenAdel“.

Der größte Anteil am Geldregen kommt wie bereits in den vergangenen Jahren von den 30 Dax-Schwergewichten, also aus Deutschlands erster Börsenliga. „Alleine die drei Großzahler Daimler, Allianz und Siemens schütten zusammen rund zehn Milliarden Euro aus“, erläutert isf-Director und FOM-Dekan Eric Frère.

Besonders erfreulich fällt die Entwicklung für die Anteilseigner des Energiekonzerns RWE aus: Nach zwei Nullrunden in Folge nimmt der Essener Versorger die Dividendenzahlung wieder auf und überweist sogar eine Sonderdividende in Höhe von einem Euro je Aktie.

In der zweiten Börsenliga, bei den mittelgroßen Unternehmen aus dem MDax, wird derweil der vierte Dividendenrekord in Serie aufgestellt. Diesmal fällt der Zuwachs mit 8,3 Prozent allerdings geringer aus als in den Vorjahren: Zwar dürften laut der Studie 40 der 50 MDax-Firmen mehr ausschütten als 2017 – doch ausgerechnet bei vier der fünf Topzahlern stagniert inzwischen die Dividende.

Lediglich bei Airbus steht ein Plus bei der Ausschüttung, während Innogy, RTL, Hannover Rück und Evonik ihren Aktionären einen gleich hohen Betrag je Aktie überweisen wie im vergangenen Jahr. Auch bei den Mitgliedern des Technologieindexes TecDax lässt die Dividendendynamik mit einem Jahresplus von 4,3 Prozent etwas nach. Allerdings bewegt sich die Ausschüttungsqualität hier bereits auf einem für Technologieaktien sehr hohen Niveau.

Außerordentlich gut lief es für Investoren, die ihr Geld in Unternehmen aus der dritten Börsenreihe angelegt haben: Mit einem Dividendenzuwachs von 46 Prozent gegenüber dem Vorjahr ist das Plus bei Aktien aus dem SDax am höchsten. Auch wenn die Anlegerschützer klagen – manche Kapitalmarktprofis können den rückläufigen Ausschüttungsquoten sogar Positives abgewinnen: „Trotz guter Finanzlage bleiben die Unternehmen mehrheitlich vorsichtig und achten darauf, ausreichend liquide Mittel vorzuhalten und nicht zu viel auszuschütten“, sagt Mathieu Meyer, Mitglied der Geschäftsführung beim Beratungsunternehmen EY.

Anleger sollten bei hohen Dividendenrenditen kritisch werden

Angesichts bevorstehender Herausforderungen sei eine vorsichtige Dividendenpolitik vernünftig, urteilt Meyer: „In vielen Branchen stehen erhebliche Investitionen in den Umbau von Geschäftsmodellen und die Entwicklung neuer Technologien an.“ Deshalb sei es wichtig, für die nötigen Zukunftsinvestitionen auch genug Finanzmittel vorzuhalten.

Aus der neuen Studie geht allerdings auch hervor, dass unterhalb des SDax in diesem Jahr nur 55 Prozent der Firmen überhaupt eine Erfolgsbeteiligung an ihre Anteilseigner fließen lassen. Rund ein Viertel zahlt sogar keine Dividende, obwohl Profite erwirtschaftet wurden. Dabei befindet sich die deutsche Wirtschaft laut Tüngler wegen des anhaltenden Niedrigzinsumfelds und der boomenden Konjunktur fast in der schönsten aller möglichen Welten.

Hier kein Geld zu verdienen sei nahezu unmöglich. „Insofern ist es umso bedenklicher, wenn Unternehmen in diesem Umfeld nicht performen oder sich nicht in der Lage sehen, eine Dividende zu zahlen.“ Man müsse sich die Frage stellen: „Wann, wenn nicht jetzt?“, sagt der oberste Anlegerschützer.

Allerdings warnen die Fachleute Investoren davor, ausschließlich auf die Kennzahl der Ausschüttungsrenditen zu achten. „Bei auffällig hohen Dividendenrenditen müssen Anleger kritisch sein“, sagt Thomas Meyer zu Drewer vom Indexfondsanbieter Comstage. Das könne auf Probleme hindeuten, von denen das Unternehmen ablenken will, mahnt er.

Lutz Welge von der Schweizer Bank Julius Bär klagt zudem, dass sich zuletzt die Kurse traditionell besonders ausschüttungsstarker Firmen aus konjunkturunabhängigen Sektoren wie der Pharma- oder Lebensmittelindustrie enttäuschend entwickelt hätten. „Und solange die Wirtschaft boomt, dürfte sich das auch nicht ändern“, so der Chefstratege. Selbst eine üppige Dividende mache die Kursschwäche oftmals nicht wett.

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