Bauchgefühl systematisch ausgeschaltet
Tobias KleinFirst Private Investment, Frankfurt

Tobias Klein glaubt nicht ans Glück, große Wetten oder die Intuition. Jedenfalls nicht, wenn es um Geldanlage geht. Im Gegenteil: Den größten Teil des Tages schaltet der Chef der Fondsgesellschaft First Private Investment Management sein Bauchgefühl bei der Aktienauswahl systematisch aus.

Der studierte Wirtschaftsingenieur ist überzeugt, "dass der durchschnittliche Anleger psychologisch begründete Sympathien hat, die ihn systematisch in die Irre führen". Da will Klein gegensteuern. "Mich hat die Idee gereizt, dass man in einem irrationalen Markt durch wissenschaftlich-rationale Herangehensweise Regeln entwickeln kann, die häufiger richtig als falsch sind." Nett gesagt.

Dass ihm das gelungen ist, hat der Mann mit der kleinen Brille bereits bewiesen. Sein Europa-Aktienfonds Ulm FP hat den Index MSCI Europe in den vergangenen fünf Jahren jeweils um 10 bis 23 Prozent pro Jahr geschlagen. Mehr als 1,1 Milliarden Euro an Anlegergeldern verwaltet der 40-Jährige inzwischen.

First Private entstand 2003, als Kleins Asset-Management-Team der Citigroup die Abteilung abkaufte im Zuge eines Management-Buyouts. Klein und seine Mannen betreiben bei First Private Stockpicking unter den "Brot- und-Butter-Aktien", sagt der geborene Düsseldorfer. "Mut zum Mittelmaß" ist hier seine Maxime. Wachstumstitel wie SAP, Nokia oder Nanotech-Werte werden Anleger im Europa Aktienfonds Ulm vergebens suchen. "Die sind zu teuer, und ihr Wert schwankt zu stark", glaubt Klein.

Analyse in drei Schritten

Seine Analyse läuft in drei Schritten. Erste Frage: Welche der rund 600 infrage kommenden europäischen Aktien lassen die nächsten drei Jahre mindestens sieben Prozent jährliches Wachstum erwarten und haben ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von maximal zehn?

Zweite Frage: Bei welchen der so ausgesiebten 100 bis 120 Aktien versteckt sich eine Leiche im Keller? Dazu nutzen der 40-Jährige und seine Leute öffentlich zugängliche Informationen wie Broker-Research oder Analystenberichte. "Es lohnt sich, bei Verkaufsempfehlungen nachzusehen, was der Analyst im Detail gefunden hat." Vielleicht schlummert in der Bilanz ein Prozessrisiko, das andere übersehen haben.

Dritte Frage: Wie lassen sich die übrig gebliebenen 70 bis 80 Werte in eine Rangordnung bringen, bei der Klumpenrisiken nach Branchen oder Ländern vermieden werden? Strikt nach Listenplatz wandern dann 45 Aktien - alle gleichgewichtet - ins Portfolio, sofern sie dort nicht ohnehin schon sind. Rund ein Viertel des Bestands wird so alle drei Monate erneuert.

So haben es in den vergangenen Jahren über 200 Aktien in den Fonds von First Private geschafft. Vor allem sind das bodenständige Werte wie der deutsche Reifenhersteller Continental, der schwedische Autoproduzent Volvo oder der französische Baukonzern Saint Gobin. Seit neuestem sind auch Titel wie die Deutsche Telekom und France Télécom wieder in Kleins Portfolio vertreten.

Überfordert ist das First-Private-System immer dann, wenn sich die Welt noch irrationaler verhält, als Klein es ihr ohnehin unterstellt. Die Ängste, die sich beispielsweise in den Kursen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 niederschlugen, kann das System nur unvollständig widerspiegeln. Moden aller Art lässt Klein unbeirrt an sich vorüberziehen. Auf Terrorängste und Ölpreisschocks reagiert er nur dann, wenn diese Ereignisse die Wachstumschancen einzelner Unternehmen fundamental ändern. Klein: "Wer emotional entscheidet, kann nicht erwarten, dass er rational das Richtige tut."

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Quelle: Wirtschaftswoche Nr. 30 vom 21.07.2005 Seite 86 - 89

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