Betreuung riesiger Vermögenswerte ist ohne künstliche Finanzinstrumente kaum vorstellbar
Asset-Klasse erleichtert Risikotransfer

Die nachhaltigen langfristigen Trends in der Weltwirtschaft treiben das dynamische Wachstum der Derivatemärkte voran. Der Nutzen von Derivaten wird inzwischen nicht nur von Spekulanten und Industrieunternehmen, sondern auch von Asset-Managern erkannt.

HB DÜSSELDORF.Denn die professionelle Betreuung riesiger Vermögenswerte durch Banken, Kapitalanlagegesellschaften, Mutual Funds, Pensionsfonds, Rentenkassen, Versicherungen und andere Vermögensverwaltern ist im komplexer werdenden Gestrüpp der Finanzmärkte ohne den gezielten Einsatz von Derivaten kaum mehr vorstellbar. Vermögensverwalter sehen sich schließlich täglich mit bekannten und auch mit neuen Risiken konfrontiert.

Derivate sind von traditionellen Finanzwerten wie Aktien, Anleihen, Devisen, Indizes oder Rohstoffen abgeleitete künstliche Finanzinstrumente. Die gängigsten Derivate-Formen sind Optionen, Futures (standardisierte Terminkontrakte), Forwards (maßgeschneiderte Termingeschäfte), Swaps und Zertifikate. Derivate haben neben vielen anderen Aufgaben zwei wichtige volkswirtschaftliche Zwecke. Sie transferieren Risiken von jenen Akteuren der Wirtschaft, die nicht gewillt sind, solche Risiken in Kauf zu nehmen, hin zu jenen Marktteilnehmern, die bewusst Risiken mit der Chance auf Gewinne eingehen.

Zweifel an der Notwendigkeit und am Nutzen von Derivaten, wie sie von der Anleger-Legende Warren Buffet geäußert werden, sind nach Ansicht von Alan Greenspan, dem Chef der US-Notenbank, unbegründet. Während das „Orakel von Omaha“ in einigen Derivaten finanzielle Massenvernichtungswaffen sieht, sagt Greenspan, Derivate würden Kursbewegungen in der Finanzwelt glätten und Risiken reduzieren. Greenspan sieht allein im spektakulären Wachstum der Derivate ein eindeutiges Zeichen für ihren Nutzen. Statistiken der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ist zu entnehmen, dass das „Notional“ – der Nennwert gehandelter Kontrakte – an den OTC-Derivatemärkten (Freiverkehr) im zweiten Halbjahr 2004 um 12,8 Prozent auf 248 Billionen Dollar gestiegen ist. Hiervon entfallen zirka 80 Prozent auf Zinsderivate.

Der mächtigste Notenbanker der Welt betont, dass das Wachstum an den bekannten Terminbörsen – wie Eurex, Chicago Mercantile Exchange, Chicago Board of Trade und EuronextLiffe – in den vergangenen drei Jahren noch spektakulärer verlaufen sei als an den OTC-Märkten. Von besonderer Bedeutung ist nach Ansicht Greenspans dabei das im OTC-Derivategeschäft bestehende Kontrahentenrisiko. Dieses wird bei Derivate-Transaktionen an den Terminbörsen durch Clearinghäuser übernommen.

Die massive Konzentration im OTC-Optionsgeschäft auf nur wenige große Akteure bereite wegen des damit verbundenen Klumpenrisikos großen Anlass zur Sorge, sagt Greenspan. Top-Manager der Terminbörsen betonen in diesem Kontext den Vorteil des zentralisierten Clearings, also der Abwicklung und Abrechnung von Geschäften über zentrale Clearinghäuser. Hierdurch wird das Kontrahentenrisiko praktisch ausgeschlossen oder aber zumindest stark reduziert.

Greenspan weist darauf hin, dass einige der innovativen strukturierten Finanzprodukte, die derivative Elemente enthalten, ihre Eignung weder in Stresstests noch in angespannten Marktsituationen ausreichend bewiesen hätten. Eine mögliche Ausweitung der Spreads an den Kredit- und Anleihemärkten und damit einhergehende stärkere Kursbewegungen an den Aktien- und Bondmärkten könnten bei einigen Investoren größere unerwartete Verluste bewirken und Unruhe in der Finanzwelt auslösen. Hierzu zählen nach Auffassung des Notenbankers auch jene Hedge-Fonds, deren Strategien zu stark auf der Nutzung des Leverage-Effektes – also das Hebeln von Positionen durch Kreditfinanzierung oder den Einsatz von Derivaten – aufgebaut seien. Diesen Herausforderungen müsse sich die Finanzwelt präventiv widmen.

Ungeachtet dieser Warnungen sind sich Experten einig, dass Derivate auch weiterhin zu den Wachstumszweigen in der Welt-Finanzszene gehören werden. „Ich glaube nicht an Wachstumsgrenzen", sagt Rudolf Ferscha, Vorstandschef der weltgrößten Terminbörse Eurex. Zahlreiche der großen Trends in der Weltwirtschaft seien Katalysatoren des exorbitanten Derivate-Wachstums. Die aus der fortschreitenden Globalisierung resultierenden Chancen und Risiken, die unter dem Stichwort „Corporate Governance“ laufenden Bemühungen für bessere Kontrollmechanismen und die im Rahmen von Basel II geplanten neuen Eigenkapitalvorschriften verlangen nach funktionierenden Werkzeugen zur Erkennung, Quantifizierung und Steuerung von Risiken.

Zudem beinhaltet die mit dem Auftauchen der „Wirtschafts-Weltmacht China" verbundene Verschiebung der Kräfteverhältnisse in der Weltwirtschaft erhebliche Risiken. Großen Anteil am Siegeszug der Derivate hätten Hedge-Fonds, die hierdurch ein großes Rad drehten, sagt Rudolf Ferscha. „Futures und Optionen werden auch von Portfoliomanagern, Investmentbankern und Finanzchefs von Firmen als wichtige Werkzeuge des Risikomanagements gesehen“, ergänzt Craig Donohue, Vorstandschef der Chicago Mercantile Exchange, die Liste der Nutzer derivativer Instrumente.

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