Börsencrash
Ein Crash wie aus dem Lehrbuch

Jeder Absturz beginnt im Boom - auch im Jahre 1907, als Erfindergeist, Tatendrang und Technikgläubigkeit nach ungeahnten Kursfeuerwerken den "vergessenen Crash" des vergangenen Jahrhunderts auslösten. Doch die Ursachen für die dramatischen Kurseinbrüche vor 100 Jahren an der Wall Street zeigen verblüffende Parallelen zur heutigen Situation.

DÜSSELDORF. "Der Albtraum eines jeden Börsianers war über Nacht Wirklichkeit geworden. Die nackte, schiere, kalte, erbärmliche Angst griff um sich unter Brokern und Bankern. Der Wall Street war das Geld ausgegangen!"

Sehr treffend beschreibt der König der Spekulanten und Profiteur aller großen Kursstürze zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, Jesse Livermore, was den "vergessenen Crash" von 1907 auslöste. Vergessen, weil sich Literatur und Wissenschaft kaum des Desasters vor fast genau 100 Jahren auf dem New Yorker Börsenparkett annahmen. Ein Börsenbeben, das den viel beschriebenen und gut analysierten "Schwarzen Freitag" von 1929 in den Schatten stellt. Wie jeder Crash beginnt auch dieser Absturz im Boom. Voller Erfindergeist, Tatendrang und Technikgläubigkeit bejubeln Europäer und Amerikaner das neue Jahrhundert. Der gerade ins Leben gerufene Dow-Jones-Index legt eine galoppierende Hausse hin. Zu den größten Gewinnern zählen Eisenbahnwerte wie Reading, die plötzlich für mehr als 100 Dollar gehandelt werden - ein damals atemberaubender Kurs. Neuemissionen scheinen keine Kursgrenzen zu kennen.

Anleger entfachen das Kursfeuerwerk mit Krediten, die die Makler ihren neuen Kunden freizügig einräumen. Ebenso wie professionelle Investoren finanzieren viele Kleinanleger, die bislang nie etwas mit der jungen Wall Street zu schaffen hatten, ihre Aktien auf Pump. Die Makler wiederum leihen sich das Geld bei den Banken. Sie verdienen prächtig an diesen "call loans", den zeitlich eng begrenzten und hoch verzinsten Krediten.

Je stärker die Kurse und Kreditzinsen steigen, desto mehr profitieren alle von dieser Spirale. Sie schlingert das erste Mal, als am frühen Morgen des 18. April 1906 zwei schwere Erdstöße eine Feuersbrunst im kalifornischen San Francisco auslösen. Die Versicherungen müssen Schadenssummen in bislang nie gekannter Höhe aufbringen. Bei vielen Finanzinstituten schrumpfen die Rückstellungen bedrohlich, so dass die Aktienkurse einbrechen.

Zwar erholen sich die Märkte rasch wieder, bleiben aber nervös und damit für jede Hiobsbotschaft anfällig. Das lockt Spekulanten wie Jesse Livermore an, der mit seinen Leerverkäufen nur darauf wartet, dass die Kurse fallen. Sein noch heute gültiges Prinzip: sich Aktien leihen, um sie teuer zu verkaufen und dann später billig zurückzukaufen. Die Differenz ist der Gewinn.

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