Börsenmboom vor fünf Jahren: Nach der Blase ist vor der Blase

Börsenmboom vor fünf Jahren
Nach der Blase ist vor der Blase

Verluste, ein paar Euro Umsatz und an der Börse gleich am ersten Tag 250 Millionen Euro wert. Unmöglich? Heute ja, aber vor genau fünf Jahren bei einer Internetaktie wie der Suchmaschine Endemann!! des Neusser Werbekaufmanns Ingo Endemann Realität. Dass so etwas getreu dem „Glocke“-Vers Friedrich Schillers „Wo rohe Kräfte sinnlos walten, da kann sich kein Gebild gestalten“ nicht gut gehen konnte, ist heute jedem klar.

HB DÜSSELDORF. Damals allerdings weder Privatanlegern noch Profis, geschweige denn den Medien, die sich freudig auf vermeintliche Erfolgsgeschichten stürzten.

Was heute wie ein albernes Börsenmärchen anmutet, begann 1995 beim Börsengang von Netscape in den USA. Mit der Browserfirma verdoppelt erstmals ein Unternehmen, dessen Geschäftsmodell auf dem Internet basiert, am ersten Handelstag seinen Wert. Die Gründer waren plötzlich mehrfache Millionäre, obwohl sie mit ihrer Firma keinen Gewinn erwirtschafteten.

Netscape war der Funke, mit dem der Ansturm aufs kalifornische Silicon Valley begann. Was die einen ohne viel Geld und Infrastruktur schafften, versuchten andere auch. Der Traum vom schnellen Reichtum, ohne jemandem etwas wegzunehmen, war plötzlich für alle ganz nah: für die Internetpioniere und deren Wagniskapitalgeber, indem sie ihre Idee und ihr Unternehmen an der Börse zu Geld machten, und für die Anleger, indem sie die Aktien kauften, die ihnen neue Anleger zu höheren Kursen abkauften.

Was einfach klingt, bedurfte allerdings einiger Zutaten. Denn anfangs trauten die Europäer der Euphorie um Netscape nicht. Mit Bertrandt und Mobilcom wagten sich 1997 ganze zwei Unternehmen in den neu geschaffenen deutschen Neuen Markt für High-Tech-Unternehmen. Die Kurse dümpelten zunächst weiter vor sich hin.

Und es gab gute Gründe dafür: Die Asien- und Russlandkrise waren ebenso wenig dazu angetan, Anleger an die Börse zu locken, wie die Schieflage des LTCM-Hedge-Fonds, der sich mit riskanten Geschäften verspekulierte und die Weltwirtschaft bedrohte. Und doch schufen gerade diese drei wirtschafts- und finanzpolitischen Beben die Voraussetzungen für die Börsenblase. Die drei großen Krisen 1997 und 1998 veranlassten US-Notenbankchef Alan Greenspan, die Geldschleusen aufzudrehen. Damit vermied er Liquiditätsengpässe und ein Abwürgen der Konjunktur. Zu Hilfe kam der Wirtschaft immer billigeres Öl, das Ende 1998 weniger als zehn Dollar pro Barrel kostete – ein Fünftel des heutigen Preises. Der starke Dollar erstickte mögliche Inflation im Keim und gab Greenspan die Gelegenheit, seine expansive Geldpolitik trotz starken Wirtschaftswachstums fortzusetzen. Anleger und Unternehmen freuten sich, weil sie so mit billig geliehenem Geld an der Börse spekulieren konnten.

Und genau zu dieser Zeit eroberte das Internet die Welt: eine Technologie, die das Arbeitsleben ähnlich wie Eisenbahnen im Börsenboom bis 1874 und Radios und Autos im Aufschwung bis 1929 revolutionierte. Als das befürchtete Chaos bei der Computerumstellung auf das Jahr 2000 ausblieb, floss weiteres Geld an die Börsen. Diesmal noch mehr ängstliches und auf Kredit finanziertes Kapital.

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