Börsenweisheiten
Der tückische Herdentrieb

Verhalten sich Anleger wie die Lemminge und machen das, was alle machen? „Steigen die Kurse, kommen die Privatanleger. Fallen die Kurse, gehen die Privatanleger“, lautet eine Börsenweisheit. Was ist dran an der Regel?
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DüsseldorfGute Laune steckt an - auch an der Börse. Wenn die Stimmung fast schon euphorisch ist und die Kurse scheinbar nur noch eine Richtung kennen, lassen sich auch die Skeptiker mitreißen und steigen ein. Ein klassischer Fall von Herdentrieb. Und den gibt es auch, wenn die Börsenkurse in den Keller rauschen – zumindest wenn eine bekannten Börsenweisheit wirklich stimmt: „Steigen die Kurse, kommen die Privatanleger. Fallen die Kurse, gehen die Privatanleger.“

Weitergedacht heißt das: Die Privaten steigen regelmäßig zu spät ein, nämlich wenn die Börsenparty schon in vollem Gange und das Hoch fast erreicht ist. Und sie steigen regelmäßig zu spät aus, nämlich wenn die Kurse abschmieren und sie damit dicke Verluste realisieren. Klar, dass sie dann auch den Wiedereinstieg nahe den Tiefstkursen verpassen und erst wieder auf das Parkett zurückkehren, wenn die Party wieder in vollem Gange ist. Soweit also die Börsenweisheit, aber stimmt sie auch?  

Ja, meint Patrick Hussy. „Wir können in unseren Daten nachweisen, dass die Privatanleger prozyklisch agieren, das heißt hohe Aktienbestände haben, wenn die Indizes angestiegen sind und umgekehrt“, sagt der Experte vom Analysehaus Sentix, das regelmäßig die Stimmung der Anleger misst. Das Ergebnis seiner Umfragen: Privatanleger würden in steigende Kurse hinein Aktien (zu-)kaufen und in fallende Kurse Aktien verkaufen. Die Entscheidungen seien häufig durch die vorherrschende, öffentliche Meinung motiviert.

Markus Zschaber, Chef der gleichnamigen Vermögensberatung, ist überzeugt, dass zumindest der erste Teil der Börsenweisheit gilt, schließlich würden in guten Börsenphasen auch Banken und Finanzdienstleister stärker für Aktieninvestments trommeln und ihre Kunden so zum Einstieg treiben. „Die Frage ist allerdings, ob dann ein günstiger Einstiegspunkt nicht bereits verpasst wurde“, sagt Zschaber. Den zweiten Teil der Börsenweisheit stellt er jedoch in Frage. „Es wäre sicherlich erfreulich, wenn die Privatanleger in Phasen fallender Kurse agieren würden, also aktiv handeln und gegebenenfalls aus dem Markt gehen würden“, sagt der Vermögensverwalter. „Die Realität sieht jedoch anders aus.“ Privatanleger würde bei fallenden Kursen weiterhin investiert bleiben, sich nicht aktiv absichern und in diesen beratungsintensiven Zeiten von ihren Banken und Finanzdienstleistern im Stich gelassen.“ Ein langwieriges Aussitzen der Kursrückgänge ist die Folge.

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