Boom wird zur Herausforderung
Derivate überfluten Kapitalmarkt

Der deutsche Derivatemarkt steht kurz vor einem neuen Rekord. In den kommenden Tagen wird die Zahl unterschiedlicher börsengelisteter Produkte erstmals die Marke von 200 000 überschreiten. Damit hat sich das Angebot in weniger als einem Jahr verdoppelt. Für die kommenden Monate sehen Experten weiter starke Steigerungen voraus. Allerdings stellt die Produktflut Anleger, Emittenten und Dienstleister zunehmend vor Herausforderungen.

FRANKFURT. „Technisch haben wir kein Problem mit 200 000 Derivaten. Es ist in Deutschland relativ leicht, über Nacht 5 000 neue Produkte an den Markt zu bringen“, sagt Thomas Kolb, Derivate-Fachmann der Deutschen Börse. „Aber die Dienstleistungen im Hintergrund bedeuten doch einen gehörigen Aufwand.“

Der Derivate-Boom in Deutschland ist fast beispiellos. Nach Angaben des Branchenverbandes Derivate-Forum waren Ende 2006 gut 120 Mrd. Euro in Zertifikate investiert – ein Drittel mehr als ein Jahr zuvor. Gemessen am Volumen, ist Deutschland damit hinter der Schweiz der zweitgrößte Markt weltweit. Was die Zahl der Produkte angeht, ist der deutsche Markt sogar absolut unerreicht.

Derivate sind synthetische Finanzprodukte, die mit Hilfe von Optionen die Wertentwicklung eines Basiswertes – beispielsweise einer Aktie oder eines Indexes – abbilden. Zuletzt ist vor allem das Geschäft mit auf Privatanleger zugeschnittenen Anlagezertifikaten rasant gewachsen. Mit ihren eingebauten Sicherheitsschwellen treffen die Produkte den Nerv der risikoscheuen deutschen Anleger, die dafür zunehmend Geld aus Fonds und Aktien abziehen.

Doch mehr und mehr überfordert der Derivate-Boom mittlerweile die Anleger. Zwar erschließen ihnen die neuen Produkte neue Märkte. „Die Frage ist aber, ob wirklich jedes Produkt den Mehrwert bringt, den es verspricht“, sagt Dieter Lendle, Geschäftsführer des Branchenverbandes Deutsches Derivate-Institut (DDI). Außerdem fällt die Auswahl des richtigen Zertifikates immer schwerer, da spezielle Suchmaschinen im Internet mit der rasanten Entwicklung kaum Schritt halten.

Anlageberater fürchten bereits, dass das steigende Angebot die Investoren abschrecken könnte. Laut einer Studie von HSBC Trinkaus & Burkhardt und der Berliner Steinbeis-Universität unter Bankberatern und Vermögensverwaltern erwarten 58 Prozent der Befragten, dass das in Derivate investierte Volumen weiter steigt, wenn die Zahl der Produkte abnimmt. Hingegen glaubt nur jeder Zehnte, dass ein größeres Angebot dem Markt neue Impulse gibt.

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