Christophe Bernard im Interview: „Es ist schon fast zu spät“

Christophe Bernard im Interview
„Es ist schon fast zu spät“

Die Angst vor einem Crash in den Schwellenländern geht um. Im Interview erklärt Christophe Bernard, Chefstratege von Vontobel, warum die Türkei besonders gefährdet ist und im schlimmsten Fall eine Staatspleite droht.
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Herr Bernard, die Währungen vieler Schwellenländer stehen massiv unter Druck. Was ist der Grund?
Der kreditfinanzierte Boom in zahlreichen Ländern stößt an seine Grenzen. Besonders anfällig sind Länder wie die Türkei, Südafrika oder Indonesien, die hohe Leistungsbilanzdefizite angehäuft haben. Hinzu kommen politische Unruhen in Thailand oder der Ukraine. Wir haben im Moment viele Krisenherde.

Welches Land ist besonders gefährdet?

Die Türkei. Es spricht einiges dafür, dass sich das Land auf dem Weg in eine Krise befindet.

Die türkische Lira verliert drastisch an Wert. Die Notenbank reagiert darauf, indem sie die Leitzinsen verdoppelt. Lässt sich die Kapitalflucht damit stoppen?
Das Land könnte tiefer in die Krise rutschen, wenn sich die Politik nicht grundlegend ändert. Es scheint fast zu spät zu sein. Die Verzweiflungstat der Notenbank, die die Zinsen massiv angehoben hat, zeigt bisher kaum Wirkung.

Was muss passieren?
Die Türkei ist per se ein Land guter Unternehmer – gegenwärtig stellt sich jedoch die Frage, ob die Wirtschaftspolitik angemessen ist. Die Türkei sollte ihr Leistungsbilanzdefizit von sieben Prozent substanziell abbauen. Dazu sind umfassende Reformen notwendig.

Darunter würde die Konjunktur leiden.
Die Regierung geht von einem Wirtschaftswachstum von vier Prozent in diesem Jahr aus. Das erachte ich als unwahrscheinlich. Im günstigsten Fall werden es vielleicht zwei Prozent sein. Wobei das eine konservative Schätzung ist. Auch eine Rezession wäre denkbar.

Glauben Sie, dass Ministerpräsident Erdogan die nötigen Reformen einleiten wird? Erdogan hat bereits angekündigt, dass er zu außergewöhnlichen Maßnahmen greifen will.
Die türkische Regierung war prinzipiell gegen Zinserhöhungen und wird beobachten, ob die Zentralbankpolitik zu einer stabilen Lira führt. Ansonsten würde man zu außergewöhnlichen Maßnahmen greifen, etwa der Einführung von Kapitalverkehrskontrollen. Sollte dies der Fall sein, wäre das Vertrauen in die Türkei als Schuldner sicherlich stark beschädigt. Dann könnten wir unter Umständen einen ähnlichen Fall wie den Argentiniens erleben.

Kommentare zu " Christophe Bernard im Interview: „Es ist schon fast zu spät“"

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  • Die Türkei wird seit den 60er Jahren von uns massiv unterstützt. Wir haben auf „Wunsch“ der Amerikaner für einige Jahre „Türkische Gastarbeiter“ die Einreise erlaubt (Wir können sie jederzeit nach Hause schicken) damit wir für die Amerikaner ihren „Partner“ stabilisieren. Seit dieser Zeit erhält die Türkei massive Entwicklungshilfe, enorme Geldflüsse von den Deutschen Krankenkassen und einen erleichterten Marktzugang zu den Deutschen und Europäischen Märkten.

    Das belastet seit dieser Zeit unsere Volkwirtschaft und führte zu einer erhöhten Arbeitslosigkeit.

    Die Türkei hat seit den Anfang des Jahrtausend hohe Wachstumszahlen zu verzeichnen (Bevölkerung 1918: 15 Millionen, 2013: 77 Millionen) nicht nur im Bevölkerungswachstum.

    Diese Volkswirtschaft die massiv von uns gestützt wird hat aber im Laufe der Jahre ein Leistungsdefizit aufgebaut und auch ihre Textilindustrie ist heute nicht mehr Wettbewerbsfähig.

    Eine Korrektur war überfällig.

    Die Türkei schwankt zwischen „Staatsbankrott“ und „hohes Wirtschaftswachstum“ aber das ist nichts Neues.

    Die Türkei war vor ein paar Jahren wieder einmal „Pleite“ und die nächste „Pleite“ kommt bestimmt. Genauso wie der Aufschwung.

    Es ist ein Land der Dritten Welt.

    Ich verstehe nicht warum mein Kommentar gelöscht wurde.

    Alle Angaben sind verifiziert!

    Ich stehe jederzeit zu meinen Aussagen und meine Adresse ist bekannt.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • So ist es: Bis vor kurzem war die Türkei DAS Boomland schlechthin.....wurde uns jedenfalls gesagt. Und nun Staatsbrankrott... wird uns jedenfalls gesagt. Alle paar Monate eine neue Krise. Es kotzt einen langsam an, dieses Hick-Hack, andauernd gilt das Gegenteil vom Gegenteil.

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