Dax 2016 - Gewinner und Verlierer
Achtung, Risiko!

Für Dax-Anleger scheint das Jahr versöhnlich zu enden. Der deutsche Leitindex eilt von Jahreshoch zu Jahreshoch. Doch wer auf Einzelaktien setzt, geht ein hohes Risiko ein – und ignoriert das A und O der Geldanlage.
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DüsseldorfWer hätte das gedacht: Nach dem völlig verpfuschten Jahresauftakt, hat es der Dax doch noch ins Plus geschafft. Es war immerhin der schwächste Start in ein Börsenjahr, den der Dax jemals aufs Parkett gelegt hat. Um mehr als 20 Prozent ging es in den ersten Wochen des Jahres abwärts. Die Erholung folgte zwar recht schnell, aber so wirklich in die Gänge kam der Dax nicht.

Im Gegensatz zu anderen Indizes wie beispielsweise dem amerikanischen Dow Jones, der 2016 mehr als 13 Prozent zulegte, hinkt der deutsche Leitindex deutlich hinterher. Nur etwas mehr als vier Prozent liegt der Dax in diesem Jahr im Plus. Das ist noch kein besonders gutes Ergebnis – Gold beispielsweise war mit mehr als sieben Prozent Zuwachs das bessere Investment –, aber die Jahresendrally könnte noch weitergehen.

Hatten Anleger auf die drei Topwerte gesetzt hätten, konnten sie sich über satte Gewinne freuen: Die Aktie des Sportartikel-Herstellers Adidas hat binnen Jahresfrist gut 60 Prozent zugelegt. Die Aktien des Stahlkonzern Thyssen-Krupp schafften immerhin ein Plus von 28 Prozent, dicht gefolgt von Siemens mit 27 Prozent.

Zugegeben, nur drei Werte im Depot zu haben, das wäre nicht nur sehr übersichtlich, sondern vor allem ganz schön riskant. Und die Gewinner des aktuellen Jahres müssen nicht zwangsläufig die Gewinner der kommenden Monate sein. Die Favoriten der Investoren ändern sich. Liegt ein Anleger nur mit einer Aktie falsch, stehen 33 Prozent seines investierten Vermögens im Feuer.

Nicht umsonst sagte der legendäre John Templeton einst: „Der einzige Investor, der nicht diversifizieren sollte, ist derjenige, der immer 100 Prozent richtig liegt.“ Nun überrascht diese Aussage aus seinem Mund natürlich nicht, schließlich hat er den Aktienfonds erfunden.

Doch das mindert nicht die Gültigkeit seiner Aussage. Im Gegenteil. „Dieser Spruch ist nicht nur eine Börsenweisheit, sondern ein zeitloser Grundsatz gewinnbringender Geldanlage“, sagt Anja Welz, Vorstand bei der Laureus Privat Finanz, einer Tochter der genossenschaftlichen Sparda Bank West.

Risikostreuung – im Börsendeutsch Diversifikation – ist das A und O der Geldanlage. Oder um eine andere Börsenweisheit zu zitieren: „Lege nicht alle Eier in einen Korb.“ Schließlich wären alle Eier kaputt, würde der Korb herunterfallen. Sicherer ist es, die Eier auf mehrere Körbe zu verteilen. Es werden schon nicht alle gleichzeitig auf dem Boden landen.

Kein Investor liegt immer richtig

Ähnlich läuft es mit der Geldanlage: Wer sein Vermögen nur in wenige Einzeltitel und dann auch noch in nur eine Anlageklasse – also einen Korb – investiert, geht ein enormes Risiko ein. Schließlich ist die Entwicklung des Portfolios dann auch nur von dieser Assetklasse abhängig. Stürzen die Aktienbörsen weltweit ab, rauscht auch der Depotwert in die Tiefe. Wer breiter investiert, also sein Geld auf Aktien, Anleihen, Rohstoffe und Immobilien verteilt, kann den Absturz einzelner Anlageklassen besser abfedern. Denn der einzelne Korb hat dann weniger Gewicht. Es ist weniger drin, was kaputtgehen kann.

Welcher Korb, um im Bild zu bleiben, runterfällt und ob dann auch alle Eier kaputt gehen, können Anleger nicht hundertprozentig wissen. „Die Zukunft ist, quasi per Definition, nicht deterministisch – eine solche Glaskugel muss leider noch erfunden werden.“, sagt auch Goran Vasiljevic, Leiter Investment-Management bei der Vermögensverwaltung Lingohr & Partner. „Unwägbarkeiten müssen in einem Entscheidungsprozess verarbeitet werden, damit eine geringe Anzahl von Fehleinschätzungen sich nicht zu negativ auf das Investmentresultat auswirkt.“ Und deshalb sollten Anleger niemals alles auf eine Karte setzen.

Niels Nauhauser geht sogar noch weiter. Auch den Investor, der immer zu 70 Prozent richtig liegt, gibt es nicht, ist der Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg überzeugt. „Dafür hängt viel zu vieles tatsächlich nur vom Zufall ab“, sagt er. „Diversifikation eliminiert einen Großteil der Risiken, die nicht kontrollierbar und nicht vorhersehbar sind.“ Die Risikostreuung ist die goldene Regel der Kapitalanlage, preisgekrönt noch dazu. Der Amerikaner Harry Markowitz bekam für seine moderne Portfoliotheorie im Jahr 1990 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.

Auch wenn diese Theorie heute nicht mehr ganz unumstritten ist – schließlich stürzten in der Finanzkrise alle Anlageklassen gleichzeitig ab –, hat sie doch noch immer sehr viele Anhänger. Finanzexperte Nauhauser nennt die Vorteile. „Mal laufen die Aktienmärkte prima, mal zieht sich eine Durstrecke am Aktienmarkt über zehn oder 20 Jahre hinweg“, sagt er. „Dann ist es gut, solide Zinserträge aus sicheren Geldanlagen zu haben.“ Die Finanzkrise habe auch eindrucksvoll gezeigt, dass der Goldpreis eine gute Absicherung sei, wenn Staaten nahe einer Pleite seien oder das Finanzsystem zu kollabieren drohe. „Wer Zinspapiere, Aktien, Gold und Immobilien hat, ist langfristig auf der sicheren Seite“, so Nauhauser. Er rät Anlegern von Einzeltitel ab und empfiehlt statt besser Investmentfonds, insbesondere Indexfonds. Sie enthalten sehr viele Einzeltitel und Anleger können das Risiko so bereits recht gut streuen.

Zu viel Vereinfachung kann teuer werden

Mit der Streuung kann man es aber auch übertreiben. „Diversifizierung nur um der Diversifizierung willen ist auch keine Lösung“, warnt Lingohr-Experte Vasiljevic. „Denn viele schlechte Investments ohne Analyse und Prozess können auch keine guten Resultate herbeiführen.“ Auch Christoph Bruns, Fondsmanager und Mitinhaber der Fondsgesellschaft Loys warnt vor zu viel Diversifikation: „Wer nämlich zu breit angelegt ist, der hat kaum Aussichten auf attraktive Wertzuwächse“, sagt er. „Hier die goldene Mitte zu finden, ist die Kunst im Asset Management.“ Streuung sei zwar der Königsweg, um das Risiko zu minimieren, aber es gehe bei der Kapitalanlage nur in zweiter Linie um Risikovermeidung.  Wichtiger sei die Gesamtstrategie. Und die sollte eben kein wildes Sammelsurium aus möglichst vielen Anlageklassen und Einzeltiteln sein.

Privatanleger neigen aber eher dazu, auf Diversifikation zu verzichten, hat Welz beobachtet. Sie bevorzugen es übersichtlich und einfach. „Da sie ihr Portfolio selbst verwalten, wollen sie sich nicht um zu viele Anlagen kümmern und diversifizieren kaum“, sagt sie. „Diese Vereinfachung kann jedoch sehr teuer werden. Diversifikation ist die beste Versicherung an der Börse.“

Denn wer nicht streut, macht unweigerlich mit der Börsenweisheit Templetons Bekanntschaft und wird Geld verlieren. Viele Anleger haben diese Erfahrung bereits gemacht. „Der Aktienverdruss vieler Deutscher lässt sich auf die Missachtung dieses Grundsatzes zurückführen“, ist Finanzexpertin Welz überzeugt. „Wer während des Dotcom-Crashs oder der Finanzkrise 2008 kein diversifiziertes Portfolio besaß, musste dies auf die schmerzhafte Tour lernen.“ Viele hätten auf die Misserfolge am Aktienmarkt mit Abstinenz reagiert, was die geringe Aktionärsquote von rund sechs Prozent in Deutschland eindrucksvoll bestätigen würde. „Doch Abstinenz ist nicht lukrativ und Anleger, die nicht am Aktienmarkt teilnehmen, profitieren nicht vom Aufschwung der Wirtschaft“, sagt sie. Stattdessen sollten Anleger dazulernen und die goldene Regel der Kapitalanlage verinnerlichen: Diversifikation. Denn das Siegerdepot mit den drei Topwerten des Jahres nennen wohl die wenigstens Anleger ihr Eigen ­– so verlockend es auch wäre.

Jessica Schwarzer
Jessica Schwarzer
Handelsblatt / Chefkorrespondentin Börse

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  • Sehr geehrte Frau Schwarzer,

    nichts gegen die vielgepriesene Streuung. Aber es gibt noch andere Fallstricke. Mein Mann war Vermögensverwalter, er verwaltete über viele Jahre für seinen Arbeitgeber ein größeres Vermögen.
    Sehr erfolgreich.

    Mein Mann war zunächst der Ansicht, dass man nur in Anlageklassen investieren kann, von denen man sehr viel versteht. Von Immobilien verstand er z.B. überhaupt nichts, deshalb ließ er diese Anlageklasse links liegen. Mein Mann verstand auch nichts von Gold oder Rohstoffen, von den meisten Anlageklassen verstand er ebenfalls überhaupt nichts. Deshalb beschränkte er sich auf Anleihen und Aktien, hier konnte ihm kaum jemand etwas vormachen.

    Neben dieser gewählten Beschränkung hatte er ein zweites Erfolgsrezept. Ein großes Mißtrauen gegen die Vorschläge und Empfehlungen der Banken. Er mißtraute der Finanzindustrie, die jeden Tag Dutzende von neuen Produkten auf den Markt bringt. Sein Credo war: Investiert wird nur in Produkte, deren Chancen und Risiken ich selbst unschwer einschätzen kann. Glaube, Hoffnung, Zuversicht haben bei der Geldanlage nichts verloren. So jedenfalls mein Mann.

  • Frau Edelgard Kah@
    Lesen Sie meine Beiträge, ich als Aktien-Prophet mache auch Sie reich.

  • Sehr geehrte Frau Schwarzer,

    mir gefällt Ihr Artikel. Aber vielleicht können wir einige Punkte vertiefen. Nichts gegen Diversifikation. Aber sie ist auch eine Frage des eigenen Geldbeutels. Beispiel gefällig: In der monatlichen Anlegerzeitschrift meiner Bank ist zu lesen, wir sind in japanischen Aktien unter- und in metallischen Rohstoffen übergewichtet. Die Herren glauben offensichtlich, ihre Kunden hätten das gesamte Universum in ihrem Depot. Aber im Mittel haben sie vielleicht nur 50 000 oder 100 000 EUR angespart. Und dann noch streuen? Wenn man Ihrem Rat folgt in Zinspapiere, Aktien, Gold und Immobilien? Vielleicht noch in Rohstoffe oder alternative Anlagen? Oder haben Sie noch andere Ideen?

    Ein anderer Punkt ist die Fristigkeit der Geldanlage. Hier muß sich jeder selbst entscheiden.

    Und dann gibt es noch die Gefahr eines crashs. Ich möchte auf die vielen Risiken nicht eingehen. Aber vielleicht daran erinnern, dass der DAX von Anfang 2000 bis März 2003 rund 3/4 seines Wertes verlor.

    Jedem sollte klar sein, dass ein wirklicher crash sich nicht auf eine einzelne Anlageklasse beschränkt. Wenn es regnet, werden alle Katzen naß. Keinen Verlust erleiden Sie nur, wenn Sie Bargeld oder ein Bankguthaben besitzen. Deshalb darf diese Anlageform in der vielgepriesenen Streuung nicht fehlen. Es ist wie bei einer Fußballmannschaft. Die Mannschaft braucht nicht nur Stürmer, die Geld verdienen. Sie braucht auch Verteidiger, die das Geld vor Verlust schützen.

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