Deflation: Die Angst vor sinkenden Preisen

Deflation
Die Angst vor sinkenden Preisen

Verbraucherpreise in Deutschland und der Euro-Zone sinken. Die ersten fürchten Deflation. Doch droht wirklich ein Einbruch der Wirtschaft? Oder ist alles halb so schlimm? Was Experten glauben und was sie Anlegern raten.
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DüsseldorfDer Aufschrei ist einen knappen Monat her: Ende Januar hatte das Statistische Bundesamt erstmals eine negative Inflation für Deutschland bekanntgegeben. Im Vergleich zum Vorjahr lagen die Verbraucherpreise im Januar 2015 plötzlich um 0,4 Prozent niedriger. Für die Euro-Zone sah es nicht besser aus: Auch hier war das Preisniveau im Dezember gesunken – um 0,6 Prozent hat der harmonisierte Verbraucherpreisindex im Vergleich zum Vorjahr nachgegeben. Ende dieser Woche nun dürfte vom Statistischen Bundesamt die nächste „Hiobsbotschaft“ folgen: Auch im Februar werden die Verbraucherpreise in Deutschland sinken. Die Frage ist lediglich: um wie viel? Der Trend für Euro-Land zeigt ebenfalls nach unten. Schon fürchten die ersten, dass eine Deflation Europa erfassen könnte – ein anhaltender Preisrückgang also, der die Wirtschaft lähmt, weil sich Akteure in der Erwartung fallender Preise bei Konsum und Investitionen zurückhalten.

Auf den ersten Blick ist die Furcht nicht ganz unbegründet. Seit Jahren versucht die Europäische Zentralbank (EZB) unentwegt, über billige Zinsen Geld in die Realwirtschaft zu befördern – bislang mit mäßigem Erfolg. Das klassische Instrument zur Inflationssteuerung will nicht so recht greifen. Zwar konnten sich Banken günstig Geld von der EZB besorgen, doch wollten die Unternehmen dieses Geld nur begrenzt abnehmen.

Wie die regelmäßige Umfrage der EZB zur Kreditvergabe unter Banken zeigt, waren Unternehmen bis ins dritte Quartal 2014 hinein zurückhaltend, wenn es darum ging, auf Pump zu investieren. „Diese Entwicklung spiegelt wahrscheinlich eine steigende Unsicherheit in Bezug auf die wirtschaftliche Erholung wider”, schrieb die Zentralbank im Oktober. Dass die EZB schon bald zusätzlich zum rekordniedrigen Leitzins beginnen wird, Staatsanleihen aufzukaufen, ist ein weiteres Zeichen dafür, wie ernst sie selbst die „Deflationsgefahr“ nimmt.

Daneben dürften auch die zuletzt geringen – und in einigen Fällen sogar negativen – Wachstumsraten in der Euro-Zone in manchem Zweifler Unbehagen aufkommen lassen. Schon erinnert der US-Ökonom und Nobelpreisträger Robert Shiller daran, dass die neue Normalität „schwaches Wachstum, billiges Geld“ längst nicht nur für die USA zutrifft. „Die Instrumente der Geldpolitik nutzen sich ab“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Trotz aller monetären Wachstumsimpulse bewegen wir uns auf eine Deflation, auf fallende Preise, zu.“

Auch Anlagestrategen wollen die Gefahr einer Deflation in Europa nicht gänzlich ignorieren. „Die Sorge ist nicht ganz wegzuargumentieren“, sagt Karsten Stroh, Experte für europäische Aktien bei JP Morgan Asset Management (JP Morgan AM). Aus dem Markt für inflationsgeschützte Anleihen – das sind Anleihen, deren Rendite variabel ist und sich am Inflationsniveau orientiert – lasse sich herausfiltern, dass die Inflationserwartungen in den letzten sechs bis zwölf Monaten zurückgegangen sind, so Stroh. „Das könnte Anlass zur Besorgnis liefern, denn die Erwartungen spielen eine große Rolle.“

Auch Martin Lück, Chefvolkswirt bei der Schweizer Großbank UBS, sieht die Gefahr einer echten Deflation dann akut, „wenn sich die negative Inflationsrate in Zweitrundeneffekten fortführt, etwa in den Inflationserwartungen.“ Die EZB habe auch darum das Anleihekaufprogramm beschlossen, um dagegen vorzubeugen, „dass sich die negativen Teuerungsraten in die Erwartungen übersetzen können.“

Kommentare zu " Deflation: Die Angst vor sinkenden Preisen"

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  • Und das alles dank Draghi. Ein Lob an Draghi. (zumindest ein kurzfristig gedachtes Lob)

  • Als Beamter würde ich mich freuen, wenn der Metalltarif für uns übernommen werden würde. Das wäre mal was: +3,3% zuzüglich der neg. Inflation von -0,5% das wären real 3,8% mehr. SUUUUUPER

  • Bisher kannte man zwei Arten der Deflation: Eine wurde ausgelöst durch sinkende Beschäftigung. Diese drückt die Preise für Arbeitskraft. Dadurch hat die Menge der Bevölkerung weniger Geld zum ausgeben. Es wird für die Industrie uninteressant zu investieren weil der Absatz nicht gesichert ist. Somit schlug wachsende Arbeitslosigkeit nach einer gewissen Zeit bei den Investitionsgütern durch.
    Der zweite Auslöser waren sinkende Preise bedingt durch auf den Markt drängende neue Hersteller. Immer aber handelte es sich um eine Preis - Lohn Spirale nach unten.
    Heute haben wir es mit einer Massenarbeitslosigkeit in einem Teil der EU zu tun und durch die Troika verlangte Lohnsenkungen. Gleichzeitig ist der Ölpreis gesunken und die Russlandsanktionen wirken sich auf die Preise aus.
    Bisher konnte die Globalisierung noch einiges abfedern - die Hersteller höherwertiger Konsumgüter und Investitionsgüter konnten durch den Export ihren Absatz sichern und haten somit keinen Grund ihre Preise zu senken.
    Der Absatz von Haushalts-Investitionsgütern (Staubsauger etc.) wurde in der EU durch immer neue Normen angekurbelt. Doch auch hier ist langsam der Boden erreicht.
    Nur, wenn der Absatz der Güter einbricht gibt es nun einmal für die Industrie keinen Grund zu Investitionen. Ausser sie kann damit Kosten sparen.
    Nur mehr Geld für die Masse kann eine Deflation noch aufhalten. Ist aber nicht gewünscht.
    Diese Deflation ist von der Troika-Bürokratie gemacht und gewünscht.
    Bürokraten agieren nicht - sie reagieren immer nur.

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