Dem Internetanalysten Henry Blodget glaubten alle
Der tiefe Fall des Aktien-Gurus

Am 16. Dezember 1999 saß Henry Blodget, ein junger, weitgehend unbekannter Aktienanalyst, früh in seinem Büro. Noch bevor sein Chef um 5 Uhr 30 ins Büro kam, schrieb Blodget die Studie, die ihn berühmt machte. Der Internetanalyst des New Yorker Brokerhauses Oppenheimer prophezeite einen Kursanstieg für die Aktie des Online-Händlers Amazon.com auf 400 Dollar. Das lag 67 Prozent über dem aktuellen Kurs und klang damit völlig übertrieben für herkömmliche Maßstäbe.

HB NEW YORK. Doch 1999 galten alte Regeln nicht. Keine zwei Wochen später übersprang die Amazon-Aktie tatsächlich die magische Marke. Blodget avancierte zum Aushängeschild des neuen Internetzeitalters, in dem Investoren – angetrieben von euphorischen Staranalysten – die Aktien junger Technologiefirmen in schwindelnde Höhen trieben.

US-Fernsehsender, besonders der Börsenkanal CNBC, posaunten Blodgets unglaubliche Prognose in alle Welt. Analysten wie Blodget waren gefragte Interviewgäste, deren Tipps Tausende private, aber auch professionelle Investoren blind folgten.

Manch erfahrener Analyst hielt Blodget für ein Leichtgewicht. Der 34-Jährige mit nur viereinhalb Jahren Erfahrung im Wertpapiergeschäft bewertete Aktien nach neuartigen Kennziffern wie den „Augenpaaren“, die auf eine Internetseite blickten. Gemessen an herkömmlichen Maßstäben wie Umsatz, Ertrag und Kurs-Gewinn-Verhältnis waren die meisten Internetaktien völlig überbewertet. Doch das hinderte weder Blodget noch andere Staranalysten wie Mary Meeker von Morgan Stanley und Jack Grubman von Salomon Smith Barney daran, die Titel zu empfehlen.

Solange die Aktien stiegen, profitierten alle – Investoren, Analysten und deren Arbeitgeber, die fast täglich neue Tech- und Telekomfirmen gegen satte Gebühren an die Börse brachten. Blodget heuerte wenige Wochen nach seiner Amazon-Studie bei Merrill Lynch an, der weltgrößten Investmentbank. Dort verdiente er im ersten Jahr ein Gehalt von fünf Mill. Dollar, eine Spitzensumme für Wall-Street-Analysten.

Als die Börsen im Frühjahr 2000 nach unten drehten, sank auch der Stern der Analystengurus. Anleger, die mit Blodgets Tipps ein Vermögen verloren hatten, verklagten Merrill Lynch. Blodget selbst musste nach monatelangen Ermittlungen vier Millionen Dollar an den US-Aktienhändler-Verband NASD zahlen. Zudem verpflichtete er sich, nie mehr für eine Bank oder ein Wertpapierhaus zu arbeiten.

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