Deutsche Investoren und Analysten beurteilen US-Divestment-Bewegung skeptisch
Sudan wird für US-Anleger zum Sündenfall

Mit einer Aktionswoche macht zurzeit das jüdische Museum Berlin auf die „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ im Sudan aufmerksam. Wissenschaftler, Völkerrechtler, Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen, Journalisten und Fotographen berichten über den Völkermord in der Region Darfur, dem laut Experten bisher 200000 Menschen zum Opfer fielen, sowie über die Lage von rund 2,5 Millionen Flüchtlingen. Für deutsche Anleger ist dies bisher kein Thema, in den USA hingegen engagiert sich eine wachsende Bewegung großer Investoren gegen den Völkermord.
  • 0

Einige Bundesstaaten und mehr als 30 Universitäten, darunter Havard, verkaufen Aktien von Firmen, die im oder mit dem Sudan Geschäfte machen. Das berichtet die US-Ratingagentur KLD, die zur Siri Company, dem weltgrößten Netz von Nachhaltigkeitsresearchern gehört. Illinois, New Jersey, Oregon, Kalifornien, Maine und Connecticut verabschiedeten so genannte „Divestment“-Gesetze. Im November erging ein Aufruf an 44 Bundesstaaten, Pensionsfonds auf im Sudan aktive Unternehmen zu überprüfen, „die der Regierung helfen, den Völkermord zu betreiben“.

Städte wie Cambridge, Newton und San Francisco, beteiligen sich an der „Divestment“-Bewegung. Für die mächtigen kalifornischen Beamten- und Lehrerpensionsfonds Calpers und Calstrs, die ihr Pensionsvermögen von zusammen fast 400 Mrd. $ nach sozialen, ethischen und ökologischen Kriterien investieren, wurde im September das Divestment beschlossen. Hunderte kleinere Pensionsfonds gehen ähnlich vor.

Jetzt unterstützt auch Investmentfondsanbieter Calvert, der 14 Mrd. $ verwaltet, die wachsende Bewegung. Er stellt in Menschenrechtsfragen erfahrene Analysten zur Verfügung und spricht Institutionelle an, um das Divestment zu verbreiten. Anleger können US-Investmentfonds auf www.sudandivestment.org kostenlos auf „Sudan-Firmen“ prüfen. Weltweit machen mehr als 130 Konzerne Geschäfte im Sudan, sagt KLD, die seit Ende 2005 einen „Sudan Compliance Service“ anbietet und Aktienkonzerne auf Sudanaktivitäten überprüft. Auf der Liste stehen der französische Telekomkonzern Alcatel und Ölkonzern Total.

Siemens und ABB bauten am Merowe-Staudamm mit. ABB entschied aber Anfang Januar, angesichts „politischer, gesetzlicher und wirtschaftlicher Faktoren“ die Geschäftsaktivitäten im Sudan „vorläufig einzustellen.“ Siemens beschloss Mitte Januar, wegen der humanitären Lage keine neuen Aufträge anzunehmen.

In Deutschland hat bislang nicht einer Großanleger die Nachhaltigkeitsagenturen Oekom Reseach in München, Imug in Hannover und die zu Siri gehörende Scoris in Frankfurt nach darfur gefragt. Die Agenturen könnten Vermögenden und Institutionellen ein Sudanscreening bieten. Aber Kleinanleger beschäftigt das Thema, wie Victor Kommerell aus Hamburg, der 2006 im Strategieteam des Staatsanwaltes am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag viel vom Darfur-Grauen mitbekam. Für sie gibt es hierzulande aber keine Informationsquelle.

Deutsche Nachhaltigkeitsanalysten und Fondsmanager halten jedoch ohnehin nichts von einem generellen Ausschluss. Sie bewerten Firmen mit bis zu 200 Kriterien, was erklärt, warum sie Unternehmen bei Kontroversen nicht gleich ausschließen. „Man kann Unternehmen nicht einfach wegen ihres Engagements in Konflikt-Staaten ausschließen, denn vielleicht tun sie dort Gutes. Ausschließen wollen wir nur, wenn sie mit dem Regime kooperieren, indem sie zum Beispiel dessen Sicherheitskräfte benutzen und Menschenrechtsverletzungen fördern oder begehen“, erläutert Matthias Bönning, Leiter des Oekom-Analystenteams.

„Viele Fragen müssten geklärt werden“, bestätigt Silke Riedel von Imug: Haben Firmen eine Menschenrechtspolitik? Engagieren sie sich, um die Lage im Land zu bessern? Sind sie schon wegen Vergehen angeprangert worden? Sind sie selbst im Land aktiv oder über Zulieferer? Wie transparent berichten sie?

Derart differenziert geht „Ökovision“ vor, einer der strengsten Nachhaltigkeitsfonds. Beispiel Burma: Der Anlageausschuss empfahl, den japanischen Rückversicherer Sompo auszuschließen, weil der sich mit dem Regime ablichten ließ und mit ihm kooperierte, wie Karl-Heinz Brendgen, Managing Direktor des Anbieters Ökoworld Lux berichtet. Zum Verkauf hat der Fondsmanager einige Monate Zeit. Hingegen investiert der Fonds in die Schweizer Synthes, die Kliniken unfallchirurgische Instrumente und Implantate liefert. „Die Produkte sind so hilfreich, gerade für ein Land mit Menschenrechtsverletzungen, dass ein Ausschluss kontraproduktiv wäre, zumal das Gesamtbild des Unternehmens stimmt und der Umsatzanteil mit Burma niedrig ist“, sagt Brendgen.

Beim Sudan sei die Beurteilung wegen der wirren politischen Verhältnisse noch schwieriger. ABB habe die Hauptstadt mit Stromleitungen versorgt und so auch Opposition wie lokaler Bevölkerung geholfen und sei in Dialog zu ihnen getreten, führt Brendgen an. Die extreme Divestment-Sichtweise sei nicht zuletzt fragwürdig, weil man dann, streng genommen, auch Firmen ausschließen müsste, die in den USA oder China tätig seien.

Kommentare zu " Deutsche Investoren und Analysten beurteilen US-Divestment-Bewegung skeptisch: Sudan wird für US-Anleger zum Sündenfall"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%