Deutsche Investoren und Verbraucher brauchen eine effiziente Rohstoffbörse
Warentermingeschäfte verstärken den Druck auf den US-Dollar

Die an Risikosicherung interessierte Wirtschaft und der sich für beide Seiten des Marktes interessierende Anleger benötigen standardisierte Energiekontrakte. Ein börsenmäßiger Handel könnte zu einer effizienteren Steuerung der vorhandenen Ressourcen und zur Reduzierung der Volatilität beitragen.

Rohstoffe fanden in der Finanzwelt bisher nur wenig Beachtung. Dies hat sich auch durch die Dollarschwäche geändert. Hierdurch ist viel Bewegung in die Notierungen gekommen. Auch die Handelsaktivitäten haben zugenommen. An den zahlreichen Rohstoffbörsen im In- und Ausland werden alle möglichen Arten von Commodity-Futures (standardisierten Terminkontrakte auf Rohstoffe) gehandelt. Sowohl die Verbraucher als auch die privaten Anleger sind jedoch wegen der Kontraktwahl und der Kontraktgröße vom Rohstoffhandel faktisch ausgeschlossen oder sogar unerwünscht.

Rohstoffproduzenten außerhalb der USA sehen sich Währungsrisiken ausgesetzt, da ihre Einnahmen in Dollar, ihre Aufwendungen aber in heimischer Währung anfallen. Der kränkelnde Dollar beschert dem Produzenten real fallende Einkünfte. Rohstoffproduzenten versuchen daher, ihre Einnahmen durch höhere Preise zu sichern. Geschäfte zur Währungsabsicherung künftiger Einnahmen führen zum Verkauf von Dollarpositionen und verstärken die Talfahrt des Dollar. Wann die Belastung aus diesen Verkäufen ein Ende finden wird, ist offen. Es scheint, dass hier eine Spirale gegen den Dollar losgetreten wurde, die drastische Veränderung in der Weltwirtschaft bringen kann. Daher macht die Diskussion Sinn, ob die Preisfeststellung für Rohstoffe nicht auch in regionalen Währungen wie dem Euro erfolgen sollte.

Russland strebt einen Preiskorridor für Rohöl zwischen 20 und 25 Dollar je Barrel, die Opec-Staaten von 22 bis 28 Dollar je Barrel an. Diese Spannen scheinen offensichtlich dauerhaft verlassen worden zu sein. Namhafte Politiker in den Verbraucherländern - nicht zuletzt in Deutschland - forderten Produktionssteigerungen der Erzeugerländer. Eigene Möglichkeiten zur Preiskontrolle entfalteten sie jedoch nicht. Sie reagierten auch nicht auf Gesprächsangebote aus Produzentenländern. Nachdem die Förderkapazitäten an Grenzen stoßen, droht die Gefahr, dass der nächste Ölpreisanstieg für Wirtschaft und Verbraucher unkontrollierbare Folgen haben wird.

Energiekontrakte gehören ins Portfolio

Der Börsenhandel bezieht sich bislang auf die Ölsorten WTI und Brent. Auf die volumenmäßig wichtigsten Ölsorten der Opec und auf russisches Rohöl - nämlich Rebco und Urals - gibt es keine börsengehandelten Sicherungsinstrumente. Viele private Haushalte sind in ihren Alternativen eingeengt, da praktisch mehr oder weniger jeder beliebige Preis verlangt werden kann. Absicherungsmöglichkeiten oder Alternativen werden kaum angeboten. Die Folge: Bürger erleiden an der Zapfsäule oder bei der Heizkostenabrechnung den Energieschock.

Einige Banken haben das Problem inzwischen erkannt und bieten Derivate zur Absicherung dieser Risiken an. Neben der Komplexität und der fairen Preisberechnung sieht sich der Privatanleger dennoch Problemen gegenüber. Die Kontrakte beziehen sich auf Brent und WTI, die an internationalen Börsen in US-Dollar gehandelt werden. Die Beurteilung eines fairen Euro-Preises ist nur schwer möglich. Energiepreisänderungen betreffen jeden. Grundsätzlich gehören Energiekontrakte in jedes seriös gemanagte Portfolio zur Altersvorsorge. Eine angemessene Zahl von Energiekontrakten ist weniger spekulativ als ein Investment in einer beliebigen Dax-Aktie.

Wirtschaft und Anleger benötigen standardisierte Kontrakte

Braucht Deutschland eine breit aufgestellte Rohstoff-Terminbörse? Diese Frage ist in den vergangenen Jahren bereits zwei mal mit "Ja" beantwortet worden. Auf den großen Durchbruch warten die Energiebörse EEX in Leipzig und die Warenterminbörse WTB in Hannover jedoch noch. Die dort notierten Kontrakte erscheinen für Verbraucher und Privatanleger wenig geeignet.

Die an Risikosicherung interessierte Wirtschaft und der sich für beide Seiten des Marktes interessierende Anleger benötigen standardisierte Kontrakte in transparenten, streng reglementierten, überwachten, hochliquiden, manipulationsfreien Märkten mit einer möglichst großen Zahl von Marktteilnehmern. Zudem: Die Kontrakte sollten in heimischer Währung handelbar sein.

Ein börsenmäßiger Handel in Energiekontrakten könnte über Ländergrenzen hinweg abgewickelt werden. Denkbar ist ein gemeinsamer Handelsraum für eine gemeinsam mit dem Produzentenland Russland aufgestellte Rohstoffbörse. Die russische Seite hat mehrmals ihr Interesse an einem solchen Joint-Venture geäußert. Ein solcher Markt auf russisches Rohöl und Opec-Rohöl wäre eindeutig besser vor Marktpreismanipulationen geschützt als die existierenden Brent- und WTI-Kontrakte. Eine funktionsfähige Rohstoffbörse könnte vor allem im Energiemarkt zu einer effizienteren Steuerung der vorhandenen Ressourcen und zur Reduzierung der Volatilität beitragen.

Manfred Zimmer ist als Derivate-Experte für das Deutsche Innovations- und Wirtschaftsforum tätig.

Quelle: Handelsblatt Nr. 236 vom 03.12.04 Seite b02

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