Die Verhaltensforschung erklärt, wieso Anleger zum falschen Zeitpunkt ein- und aussteigen
Der gefährliche Zug der Börse

Menschen handeln nicht immer rational. Und auch Anleger sind Menschen. Überspitzt formuliert ist das die Grundannahme der Behavioral Finance, einer jungen Wissenschaft, die die Verhaltensforschung auf das Börsengeschehen anwendet. „An der Börse Geld zu verdienen, erfordert Disziplin“, sagt Joachim Goldberg vom Frankfurter Finanzdienstleister Cognitrend. „Die meisten Anleger maximieren an der Börse aber nicht ihren Gewinn, sondern ihr Wohlbefinden.“

HB DÜSSELDORF.Und so fällt es ihnen schwer, gegen den Trend zu handeln. „Denn dem Anleger droht nicht nur der mögliche finanzielle Verlust, er verliert auch sein Gesicht, wenn er sich anders als die Masse entscheidet“, erläutert Goldberg.

Die spektakulären Crashs der Vergangenheit haben immer wieder gezeigt, was passiert, wenn Anleger wie die Lemminge der Herde hinterherlaufen – von der Tulpenmanie im 17. Jahrhundert in Holland bis zum Crash der New Economy im Jahr 2000 (siehe „Historische Blasen“). „Alle 40, 50 Jahre rufen Marktteilnehmer und Journalisten eine neue Ära aus“, sagt Dirk Schiereck, Professor für Bank- und Finanzmanagement an der European Business School (EBS) in Oestrich-Winkel. Dann heißt es, die allgemein anerkannten Gesetzmäßigkeiten hätten ihre Berechtigung verloren – und die Märkte geraten völlig aus dem Gleichgewicht. „Der Generation, die das erlebt, passiert so etwas nicht wieder“, sagt Schiereck. „Die nächste aber scheint die Erfahrung selbst machen zu müssen.“

Und dennoch ist es selten sinnvoll, sich gegen den Herdentrieb zu stemmen. Gerade bei der Aktienanlage sei es sehr schwer, einem Papier seinen fundamentalen Wert zuzuordnen, sagt Thomas Heidorn, Professor für Bankbetriebslehre an der Hochschule für Bankwirtschaft in Frankfurt. „Schließlich gibt es bei Aktien im Gegensatz zu Anleihen keinen Endzeitpunkt, an dem man sehen kann, wer nun Recht gehabt hat.“ So führt eine systematische Überbewertung nicht zwangsläufig zu einer Gegenbewegung, sondern kann durchaus lange anhalten. So dauerte der holländische Tulpenboom 18 Monate. Die teuerste Tulpe kostete auf dem Höhepunkt 5 500 Gulden – das entspricht heute etwa 530 000 Euro.

Anleger, die sich allein an den grundlegenden ökonomischen Daten orientieren, sind dann schon längst ausgestiegen. Die anderen stecken sich gegenseitig mit ihrer Begeisterung an – ein sich selbst verstärkender Trend.

Das Problem: Das Erkennen eines Herdentriebs ist nur schwer in Geld umzumünzen. Sicherlich – wenn die Mitfahrer in der U-Bahn den Aktienblätter lesen, wenn die Boulevard-Zeitungen mit Börsentipps aufmachen, wenn Menschen sich für Dividendenpapiere interessieren, die damit bislang überhaupt nichts im Sinn hatten, ist es vielleicht höchste Zeit auszusteigen. Dennoch „ist es schwer vorauszusehen, wann sich die Herde dreht“, sagt Heidorn – also wann die Blase platz.

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