Eberhardt Unger im Interview
„Ein Markt der Illusionen“

Eberhardt Unger, Chefvolkswirt von Fairesearch in Frankfurt, über den Derivate-Boom und Risiken, die damit einhergehen.

Wie beurteilen sie Derivate?

Der Markt der Derivate ist ein Markt der Illusionen. Teils aggressive Anlagestrategien und hohe Volumina, die durch Aktivitäten professioneller Investoren wie Hedge-Fonds zustande kommen, sind zu einem großen Risiko geworden.

Das ruft nach einer Erklärung. Wieso boomen Derivate so stark?

Das liegt auch an der Zinsentwicklung. Die Geldmarktsätze sind zu stark gesunken – in den USA auf ein, in der Eurozone auf zwei und in Japan auf null Prozent. Auch die Anleiherenditen sind abgesackt. Für Anleger sind Zinsanlagen daher unattraktiv. Fondsmanager suchen über Derivate nach einer höheren Rendite. Höhere Renditen sind jedoch nur bei Inkaufnahme höherer Risiken zu erzielen.

Derivate sollen Risiken reduzieren. Jetzt sollen sie plötzlich Risiken auslösen – wieso das?

Derivate werden häufig als „Absicherungsinstrumente zur Risikobegrenzung“ definiert. Das gilt jedoch nur für einen kleinen Teil des Marktes. Das hohe Volumen zeigt, dass es sich meist um Spekulationen mit dem Ziel der Renditeoptimierung handelt. Das schiere Volumen der Derivatemärkte hat den Bezug zur Realwirtschaft verloren. Daraus resultieren große Risiken.

Ist die Illiquidität von Derivaten das größte Risiko?

Tatsächlich ist die Illiquidität einiger Märkte ein Risiko. Gibt es ein Problem, das zum Abbau der Positionen zwingt, finden Anleger oft keine Gegenpartei mehr. Wir finden hier ja meist keine Märkte mit einer Vielzahl von Anlegern und Nachfragern. Die einseitige Orientierung an aus Charts bezogenen Signalen für Kauf und Verkauf und die Abkoppelung von Fundamentalfaktoren führen dazu, dass alle gleichzeitig durch eine Tür wollen.

Haben die Märkte aus der LTCM-Krise nichts gelernt?

Offensichtlich nicht! Das aktuelle Beispiel ist der hohe Verlust des Hedge-Fonds Amaranth Advisors wegen Fehlspekulationen in Erdgas-Futures. Bei LTCM war ein Kollaps der Weltwirtschaft im Herbst 1998 nur durch entschlossenes Eingreifen der Notenbanken zu vermeiden. Es ist jedoch nicht die Aufgabe der Notenbanken, Fehlspekulationen zu finanzieren.

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