Ein Qualitätslabel unterstützt die Partnersuche bei der Kompensation von Treibhausgas-Emissionen
Klimaschutz per „Gold Standard“

Klimaneutralität liegt im Trend. Immer mehr Unternehmen, Behörden, Tourismusregionen und Veranstalter setzen auf klimafreundliches Reisen und Wirtschaften. Die klimaneutralen Geschäfte sind wachstumsträchtig – aber auch umstritten.
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Deutsche Bundesbedienstete und Minister sollen ab diesem Jahr klimaneutral fliegen. Finanzinstitute wie Swiss Re und BayernLB wollen klimaneutral arbeiten, die Staatsbank KfW tut es schon. Auch Kunden können sich klimaneutral verhalten – bei der Post/DHL kostet das nur zehn Cent Aufpreis pro Paket. Und wer bei der niederländischen Rabobank ein so genanntes „Klimakonto“ eröffnet hat, sieht auf dem Kontoauszug hinter jeder Abbuchung, wie viel CO2-Emissionen dieser Einkauf verursacht hat – und dass die Bank diese kompensiert.

Klimaneutral bedeutet, dass die mit Produkten und Dienstleistungen verbundenen Treibhausgasemissionen durch Investitionen in Projekte zur Emissionsminderung in Entwicklungsländern ausgeglichen werden. Das kostet häufig nicht viel, weil Klimaschutz dort preisgünstiger umzusetzen ist als hierzulande.

Geschätzte drei Dutzend Firmen weltweit bieten Unternehmen und Verbrauchern inzwischen die Kompensation von Kohlendioxid-Emissionen an. In diesen neuen Markt werden dieses Jahr wohl 90 Mill. Euro fließen, in drei Jahren könnte es laut Uno eine halbe Milliarde sein.

Im März startete das bundesweite Projekt „Klima-Partner 2007“ (www.klimaneutral-partner.de), das in Deutschland Firmen aller Branchen und Größen für Klimaneutralität gewinnen will. Geleitet wird es von der auf Klimaschutzprojekte spezialisierten 3C Consulting aus Bad Vilbel. Vorläufer ist das seit zwei Jahren laufende hessische Pilotprojekt, an dem sich unter anderem Neckermann, Deutsche Bank und T-Com beteiligen.

An kleine und mittelgroße Unternehmen richtet sich die Anfang Januar gestartete Kampagne „Vorbilder 2007“ des Bundesverbandes mittelständischer Wirtschaft und der Firma Climatepartner. Gerade kleineren Unternehmen sollen einfache und praktikable Wege zum Klimaschutz gezeigt werden. Sie können sich online überprüfen oder intensiv beraten lassen, 365 beispielhafte Unternehmen sollen vorgestellt werden. Einen Online-Rechner für persönliche und geschäftliche CO2-Emissionen bietet bereits seit längerem die Schweizer Stiftung MyClimate, eine Ausgründung der Technischen Universität Zürich.

Die klimaneutralen Geschäfte sind wachstumsträchtig – aber auch umstritten. Das Argument von Kritikern: Unternehmen und Verbraucher kaufen sich bloß frei, um ein gutes Image oder Gewissen zu bekommen. Statt ihren Lebens- und Arbeitsstil zu ändern, könnten CO2-Verursacher ihren Ausstoß mit vergleichsweise wenig Geld und Aufwand neutralisieren. Andreas Knörzer, Direktor der Schweizer Bank Sarasin, die sich für nachhaltige Geldanlagen engagiert, spricht gar von Ablasshandel. Denn echter Klimaschutz bedeute, weniger Energie zu verbrauchen und erneuerbare Energiequellen zu nutzen.

G

enau deswegen seien die Kompensationsgeschäfte aber positiv zu bewerten, sagt Christoph Bals, Strategiedirektor und Klimaexperte der Umweltorganisation Germanwatch: „Neutralisierung ist praktizierter Klimaschutz, weil das Geld nicht nur in der Kasse klingelt, sondern in konkrete Klimaprojekte fließt.“ Klimaneutralität sei solang die beste Lösung, bis Unternehmen und Verbraucher die Investitionen getätigt und ihr Verhalten geändert haben, um den Energieverbrauch strukturell zu senken. Das Instrument ist sinnvoll, wenn es um Energieverbräuche geht, bei denen sich Treibhausgasemissionen (noch) nicht vermeiden lassen. In diesem Sinne nutzen viele Unternehmen das neue Konzept als ersten Schritt für mehr Klimaschutz.

Trotzdem ist Vorsicht geboten. Die Qualität der Klimaschutzprojekte ist sehr unterschiedlich. Entscheidend ist, dass Klimaschutzprojekte zusätzliche Projekte sind, also nicht ohnehin realisiert werden. Auch ist vor Zertifikate-Anbietern zu warnen, die schnelles Geld mit niedrigen Standards machen wollen.

Die Kritik, es gebe keinen weltweit einheitlichen Qualitätsstandard, ist allerdings ungerechtfertigt. Das unter Federführung der Umweltorganisation WWF entwickelte Label „Gold Standard“ ist international akzeptiert. „Es ist die einzige Versicherung für seriöse Klimazertifikate“, sagt Bals. Auch die Organisatoren der Fußball-WM 2006 nutzten den Standard. Trotz Energiesparens und zu 100 Prozent umweltfreundlich produzierten Stroms blieben 92 000 Tonnen Treibhausgas-Emissionen. Sie werden durch Gold-Standard-Klimaschutzprojekte in Indien und Südafrika kompensiert. Ein „großer Erfolg“, lobt das Öko-Institut. Auch die Initiative „climatefriends“ von Climatepartner beachtet den Gold Standard. Hier machen inzwischen mehr als 700 Unternehmen mit, darunter die Citibank, Dell, Goodyear, Nokia, der Schmuckhändler Christ und das Bekleidungsunternehmen Mexx. Vom Online-Verkauf ihrer Produkte fließt ein Teil des Preises in Klimaschutzprojekte.

Auch wer per Flugzeug unterwegs ist, kann sich klimabewusst zeigen. Ein Flug von Berlin nach Brüssel verursacht 380 Kilogramm CO2-Äquivalente. Sie zu neutralisieren kostet bei Atmosfair neun Euro – das Geld fließt in indische Solarküchen und Biogasanlagen. Gespart freilich, wie auf dem Zertifikat ausgewiesen, wird dabei nichts: Emissionen werden schlicht ausgeglichen.

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