Eine nachhaltigere Rally als die vorigen könnte bevorstehen
Profis raten zum Einstieg in Tokio

Gerade jetzt haben zwei Banken so genannte Bonus-Zertifikate auf den Nikkei-Index begeben – Goldman Sachs zuerst, die Landesbank Berlin folgte. Zum falschen Zeitpunkt? Aktienexperten meinen: Nein.

TOKIO/FRANKFURT. Am japanischen Aktienmarkt ging es am Donnerstag zum vierten Mal in Folge bergab - die längste Durststrecke seit vier Monaten. Gerade jetzt haben zwei Banken so genannte Bonus-Zertifikate auf den Nikkei-Index begeben – Goldman Sachs zuerst, die Landesbank Berlin folgte. Zum falschen Zeitpunkt? Aktienexperten meinen: Nein. Denn sie erwarten mittelfristig nur leichte Kursabschläge in Tokio oder gar eine Aufwärtsbewegung.

Gut zu überlegen ist allerdings, welche Emittentin Anleger bevorzugen sollten: Goldman Sachs garantiert für das Papier mit sechs Jahren Laufzeit einen Gewinn von 50 Prozent, falls der Index innerhalb dieses Zeitraums steigt oder um nicht mehr als 30 % fällt (Wertpapierkennnummer: 954545). Die Landesbank hat ihr Sechsjähriges mit dem gleichen Puffer, aber einem höheren Bonus von 55 Prozent aufgelegt. Allerdings schreiben die Berliner, dass die Konditionen „voraussichtlich“ wie genannt ausfallen sollen. Die exakten Bedingungen stehen erst am Emissionstag, dem 25. August, fest. Frank Klingelhöfer, Derivateexperte bei der Bankgesellschaft Berlin – zu deren Gruppe die Landesbank Berlin gehört – , betont aber, so werde das öfter gehandhabt. Bevor man die Konditionen ändere, werde die Zeichnungsfrist vorzeitig beendet.

Das Bonuszertifikat funktioniert wie folgt: Vom Stand des Nikkei am Emissionstag wird ein Abschlag von 30 Prozent nach unten berechnet. Verletzt oder unterschreitet der Index diese Marke während der Laufzeit nicht und liegt er am Laufzeitende unter der bei 155 Prozent festgelegten Bonusgrenze, erhält der Anleger 155 Prozent des eingesetzten Geldes zurück. Das entspricht einer jährlichen Rendite von 9,16 Prozent. Beispiel: Falls der Index bei 10 000 Punkten steht und der Anleger das Papier zu 100 Euro erwirbt, könnte der Nikkei bis zum Laufzeitende bis auf 7 001 Zähler fallen, ohne die Bonuschance zu gefährden - liegt der Index zudem unter der Bonusgrenze von 15 500, dann liegt der Rückzahlungsbetrag bei 155 Euro.

Fällt der Nikkei unter die Kursgrenze, funktioniert das Papier wie ein gewöhnliches Indexzertifikat, entwickelt sich also analog zum Index (bei einem Indexstand von 6 000 Punkten beispielsweise erhält der Anleger 60 Euro). Der Clou ist: Es gibt keine Begrenzung nach oben, wenn der Nikkei stark steigt. Zieht er etwa auf 20 000 Punkte an, erhält der Anleger 200 Euro; der Bonus wird also analog der Indexentwicklung überschritten. Während der Laufzeit orientiert sich der Wert des Papiers am Indexverlauf.

Allerdings lässt sich vor Notierung noch nicht sagen, wie die Bank die Kosten gestaltet, ob sie etwa einen großen Spread (eine hohe Differenz zwischen An- und Verkaufspreis) stellt. Managementgebühren fallen jedenfalls nicht an. Wichtig für Anleger zu wissen ist noch: Zertifikate sind Schuldverschreibungen – demzufolge sollten Anleger nur Emittenten wählen, denen sie eine gute Bonität zutrauen.

Charttechnisch gesehen könnte die Rechnung aufgehen: So ist der Bereich um 7 000 Punkte durch eine Langfrist-Unterstützung aus den Jahren 1980 bis 1983 gut abgesichert, erklärt Chartexperte Felix Pieplow.

Und aus fundamentaler Sicht spricht einiges für eine Aufwärtstendenz, wie Stimmen aus Tokio zeigen: So glaubt Ökonomin Kathy Matsui von Goldman Sachs, eine nachhaltigere Rally als die vorigen könnte bevorstehen. Die Begründung: Auf der Mikroebene hätten die Unternehmen erkannt, worauf es ankommt. Ihre Fundamentaldaten besserten sich, sie bewerten realistischer, expandierten auf dem asiatischen Markt und planten weitere Restrukturierungen. Matsuis Meinung nach wird der breit gestreute Topix-Index innerhalb der kommenden sechs bis zwölf Monate von derzeit rund 915 Punkten auf 1 200 Punkte klettern: „Der japanische Markt ist mittlerweile ein normaler Markt, nicht nur, was die Bewertungen angeht, sondern auch bezüglich der Eigentümerstruktur an der Börse und der Unternehmenskontrolle.“ Im Zuge der Entflechtung der japanischen Unternehmen untereinander hat sich der Anteil ausländischer Investoren und privater Anleger erhöht.

Auch die Analysten von Goldman Sachs, Takehiro Sato und Osamu Tanaka, setzen auf eine weitere Erholung der japanischen Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte. Exporte in die USA könnten sich als Zugpferd erweisen und das Wirtschaftswachstum auf reale 1,4 Prozent im Gesamtjahr heben. Eine verbesserte Stimmung in den USA dürfte ab September internationale Fonds nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Japan zugreifen lassen, meint Hiroshi Nakai, Chef der Investment Research Abteilung von Tokai Tokyo Research Center. Einen Anstieg des Nikkei auf 10 000 Punkten hält er daher für so gut wie ausgemacht. Bei wirtschaftsstützenden Maßnahmen der Regierungspartei LDP vor den Wahlen im Land könne der Index sogar bis auf 12 000 Punkte klettern.

Klar bleibt aber: Nur spekulative Anleger kaufen ausschließlich Japan-Zertifikate. Konservative Investoren könnten die Papiere ihrem breit gestreuten Depot beimischen.

Quelle: Handelsblatt

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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