Erst wenn die Arbeitslosenzahlen sinken, dürfte die Trendwende geschafft sein
Ohne neue Stellen gibt es keine Hausse

Arbeitsmarktdaten aus Europa und den USA werden die Finanzmärkte künftig mehr bewegen als andere Konjunkturdaten. Denn während die Wirtschaft an Fahrt gewinnt, bleibt die Entwicklung am Jobmarkt die große Unbekannte.

NEW YORK/DÜSSELDORF. Entspannung ist nicht zu sehen – im Gegenteil: Aus den USA dürfte am Freitag trotz der guten Konjunkturdaten am Donnerstag eine Arbeitslosenquote von 6,3 % oder 6,4 % gemeldet werden – soviel wie zuletzt vor neun Jahren.

Der Arbeitsmarkt ist der Schlüssel für eine nachhaltige Erholung. In den USA steuert der Konsument 69 % zum Bruttoinlandsprodukt bei, in Deutschland sind es knapp 60 %. Ist die Erwerbslosenquote hoch, geht das auf Kosten des Verbrauchervertrauens. Der wichtige Index für die Stimmung in der Wirtschaft fiel in den USA zuletzt auf den tiefsten Stand seit dem Irak-Krieg. Ursache war die „steigende Arbeitslosigkeit und das Gefühl, dass eine Trendwende am Arbeitsmarkt nicht absehbar ist“, sagte Lynn Franco vom Forschungsinstitut Conference Board.

In Deutschland schlägt sich die hohe Arbeitslosigkeit von über 10 % in einer gesunkenen Kauflust nieder, wie die Gesellschaft für Konsumforschung ermittelte – ungeachtet positiver Signale vieler Unternehmen. Doch diese resultieren aus Kostensenkungen, wozu Entlassungen gehören. Das stärkt die Margen, schmälert aber die Umsätze. Das Potenzial bleibt darum begrenzt.

Experten sind skeptisch, dass ein längerfristiger Börsenaufschwung ohne Verbesserung der Situation am Arbeitsmarkt möglich ist. „Theoretisch wäre es vorstellbar, dass Unternehmen zum Beispiel durch Stellenstreichungen oder -verlagerungen ihre Margen steigern“, sagt HSBC-Chefökonom Ian Morris. „Aber tatsächlich ist eine solche Entwicklung sehr unwahrscheinlich.“

Der Computerhersteller IBM plant, mehrere tausend Arbeitsplätze im gut bezahlten Software- Designbereich in Niedriglohn-Länder zu verschieben. Dadurch sinkt das Realeinkommen in den USA. Für mehr Konsum und eine Stimulanz der Börsen bedarf es aber höherer Einkommen. „Das ist möglich durch höhere Löhne, eine fallende Inflationsrate oder mehr Beschäftigung“, sagt Gertrud Traud von der Bankgesellschaft Berlin. Da ersteres nicht zu erwarten und eine geringere Teuerung unerwünscht ist, bleibt als Hoffnung die Beschäftigung. „1999 und Anfang 2000 stiegen die Aktienmärkte kräftig, das Bruttoinlandsprodukt legte mehrere Quartale hintereinander um drei bis fünf Prozent zu, und die Arbeitslosigkeit ging zurück“, stellt Traud einen Zusammenhang her: Nur in Phasen mit einem Wirtschaftswachstum von mehr als 2 % sinkt die Arbeitslosigkeit.

Solange solche Raten Wunschdenken sind, bleibt die Arbeitslosenquote hoch und das Potenzial an den Börsen begrenzt. Die meisten Experten sehen die Kurse nach der fulminanten Rally ausgereizt und setzen auf Korrektur. „4 000 Punkte im Deutschen Aktienindex sind möglich, aber nur deshalb, weil Aktien unter- und Anleihen überbewertet sind“, sagt Traud. Ihr Dax-Ziel hatte sie im März bei einem Index-Stand nahe an 2 200 Punkten. Gestern waren es rund 3 450 Zähler. Ihre US-Kollegen sind weniger davon überzeugt, dass sich der Aufwärtstrend fortsetzt. „Es war eine nette Erholung, aber die Märkte sind der Wirklichkeit zurzeit voraus“, sagt Steve Ricchiuto, US-Chefökonom von ABN Amro. Auch Ian Morris schätzt, dass eine langfristige Wende an den Aktienmärkten noch auf sich warten lassen wird: „Die schlimmsten Stellenstreichungen dürften zwar überstanden sein, aber die Kosteneinsparungen gehen weiter und beschränken die Zahl von neu entstehenden Jobs.“

Ricchiuto erwartet, dass sich die Lage frühestens zum Jahresende entspannt. „Um ein echtes Zeichen dafür zu bekommen, dass es bergauf geht, müssen an mindestens zwei aufeinander folgenden Monaten 70 000 Jobs auf den Lohnlisten dazukommen.“ Bis auf weiteres werden es erst einmal weniger sein.

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