Erste Analysten mahnen zur Vorsicht – Aktien mit Potenzial sind immer schwerer zu finden: Brasiliens Börse boomt noch immer

Erste Analysten mahnen zur Vorsicht – Aktien mit Potenzial sind immer schwerer zu finden
Brasiliens Börse boomt noch immer

„Die Geschichte zeigt, dass die Investoren in Zeiten hoher Liquidität und niedriger Zinsen irgendwann nicht mehr rational handeln“, kommentiert der Ökonom und Investmentbanker Luiz Carlos Mendonca de Barros den auch im neuen Jahr fortgesetzten Höhenflug der brasilianischen Bovespa. Vor allem Privatinvestoren und Kleinanleger haben seit Jahresbeginn in Aktien investiert – für die Profis ein Zeichen, dass die Hausse bald zu Ende sein könnte.

SAO PAULO. Der Börsenboom in Brasilien hält nun schon fast ein Jahr an. Seit Februar vergangenen Jahres erholte sich der Ibovespa von 10 000 auf jetzt zeitweise 24 000 Punkte. Das stellt die Analysten vor Probleme: Sie halten sich inzwischen deutlich mit Prognosen zurück – denn sie haben in den letzten Monaten zu oft daneben gelegen. So rechneten die führenden Börsenexperten Brasiliens noch vor zwei Wochen, dass der brasilianische Index seinen jetzigen Kursstand erst in zwölf Monaten erreichen würde. Dennoch lassen sich Argumente für ein weiteren Anstieg finden: Nach den Abwertungen der letzten Jahre ist der Ibovespa in Dollar gemessen nur rund halb so hoch gestiegen wie bei seinem Höchststand 1997. Für Aktienexperte Walter Mendes von Banco Itaú hat die brasilianische Börse weiterhin Potenzial, weil die Kurse noch nicht das gesunkene Länderrisiko der Anleihen vollzogen haben. Das Länderrisiko schrumpft derzeit täglich weiter auf rund 400 Punkte zu, nach dem es sich im vergangenen Jahr bereits um 1000 Punkte reduziert hatte. Brasilianische Unternehmen profitieren deshalb von den immer besseren Finanzierungsmöglichkeiten im Ausland. Kurstreibend wirken derzeit vor allem die guten Wachstumsaussichten des Landes: Goldman Sachs erwartet, dass Brasilien nach der Stagnation 2003 dieses Jahr 4,4 % wachsen könnte. Gleichzeitig gelingt es der Regierung des populären Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva weiterhin Stabilität zu vermitteln: Kurz vor Weihnachten noch ließ er im Kongress die Vorlagen für die umstrittene Steuer- und Rentenreform absegnen. Die Senkung des Anteils der Dollarschuld an der Gesamtverschuldung durch die Zentralbank schreitet weiter voran. Die Zinsen dürften weiter gesenkt werden, weil das Industriewachstum gegen Jahresende überraschend schwach ausgefallen war. Dennoch: Die Analysten haben Probleme noch Aktien mit Kurspotenzial ausfindig zu machen, denn inzwischen sind die führenden Unternehmen in fast allen Branchen so stark gestiegen, dass den Experten die Argumente für weitere mögliche Kursanstiege ausgehen. Nach den Analysten-Befragungen unter 20 Investmentbanken von Thompson Financial bestehen die größten Potenziale für Aktien der Branchen Telekom, Textil und industrielle Zulieferer. Auch Titel von Banken, Baukonzernen und aus der Petrochemie könnten noch steigen. Ausgereizt dagegen seien Stahlkocher, Investitionsgüterhersteller sowie Flugzeugbauer und Fluglinien, so Thompson Financial. Zu ganz anderen Ergebnissen kommt dagegen eine Umfrage der führenden brasilianischen Wirtschaftszeitung Valor Economico unter Finanzinstituten. Danach gelten die Aktien der Stahlkonzerne Usiminas, Gerdau und CST zu den bevorzugten Unternehmen der professionellen Investoren, da die Nachfrage nach Stahl bei der erwarteten Konjunkturerholung in Brasilien stark zunehmen wird. Ebenfalls kurzfristig attraktiv sind Brasil Telecom, der Energiekonzern Cemig und der Brauer Ambev. Die Aktie von Petrobrás könnte von der Neuorganisation des Chemiesektors in Brasilien profitieren. Beim Bergbaukonzern CVRD erwarten die Analysten steigende Umsätze und Gewinne wegen der anhaltend hohen Erzpreise auf dem Weltmarkt.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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