Erste Zwischenbilanz offenbart Vor- und Nachteile
Die Derivateverordnung ist besser als ihr Ruf

Seit gut einem Jahr ist die von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) erlassene Verordnung für den Einsatz von Derivaten in Investmentfonds in Kraft. Bei ihrere Einführung machte das Schlagwort von der Überregulierung die Runde. Mittlerweile hat sich der Nebel gelichtet; erste praktische Erfahrungen liegen vor.

HB DÜSSELDORF.Das von der Derivateverordnung geforderte Risikomanagement muss es ermöglichen, ein Risikoprofil für alle relevanten Risikofaktoren zu erstellen. Dazu zählen das Markt- und Kreditrisiko sowie das operationale Risiko. In Bezug auf das Marktrisiko eines Portfolios gilt, dass dieses durch Derivate höchstens auf das Doppelte des investierten Betrages erhöht werden darf. Zur Ermittelung des Marktrisikos sind zwei Ansätze in der Derivateverordnung vorgesehen: der einfache und der qualifizierte Ansatz. Standardmäßig muss eine Kapitalanlagegesellschaft den qualifizierten Ansatz anwenden. Er sieht die Messung des Marktrisikos des Sondervermögens und eines derivatefreien Vergleichsvermögens mit Hilfe eines anerkannten Value-at-Risk-Modells vor. Der einfache Ansatz kann aber nur angewandt werden, wenn das Sondervermögen ausschließlich bestimmte Grundformen von Derivaten einsetzt.

Die Erstellung adäquater Risikomess- und Risikoüberwachungssysteme ist jedoch mit erheblichen Kosten sowie mit einer Reihe von Pflichten verbunden. Viele Kapitalanlagegesellschaften zögern daher, die Anforderungen der Derivateverordnung an den qualifizierten Ansatz umzusetzen. Einige Fondsgesellschaften haben jedoch – teilweise auf Druck institutioneller Investoren – die Chance genutzt, die sich durch die größere Flexibilität beim Einsatz derivativer und strukturierter Produkte bietet. In der Praxis hat sich dabei die vielfach kritisierte Komplexität der Derivateverordnung insgesamt nicht als nachteilig erwiesen. Aus rechtsvergleichender Perspektive zeigt sich sogar, dass andere Staaten, die zunächst eine vergleichsweise wenig detaillierte Regelung zur Verwendung von Derivaten erlassen haben, nunmehr über komplexere Regelungen nach deutschem Vorbild nachdenken.

Neben der Vorbildfunktion fördert der Blick über die Grenze jedoch auch ein Problem zu Tage: Die europarechtlichen Vorgaben hinsichtlich der Behandlung von Derivaten in Investmentfonds werden von den jeweiligen Aufsichtsbehörden teilweise unterschiedlich interpretiert. Im Markt lässt sich die Tendenz beobachten, Investmentfonds in den Staaten aufzulegen, in denen diese Vorgaben weit ausgelegt werden. Auf diese Weise werden teilweise mittels Derivaten oder strukturierten Produkten Anlagegegenstände im Fondsvermögen abgebildet, in die der Fonds direkt nicht investieren dürfte. Dies ist nach der deutschen Derivateverordnung zwar unzulässig, jedoch ist der Vertrieb solcher ausländischer Investmentfonds in Deutschland mittels des so genannten europäischen Passes möglich. Derart unterschiedliche Interpretationen europäischer Vorgaben durch die Aufsichtsbehörden könnten sich in Zukunft als ein großes Problem für den Fondsstandort Deutschland erweisen.

*Dr. Kai-Uwe Steck ist Rechtsanwalt und Partner, Dr. Rainer Schmitz Rechtsanwalt bei Dewey Ballantine LLP.

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