Exklusive Umfrage
China muss Anleger noch überzeugen

Eine Umfrage hat ergeben: Trotz der positiven Zukunftserwartungen halten sich deutsche Anleger im Reich der Mitte zurück.

DÜSSELDORF. Die deutschen Anleger stehen dem Wirtschaftsboom in der Volksrepublik China derzeit kritisch gegenüber. Das zeigt das jüngste Anlegerbarometer des Meinungsforschungsinstituts AMR im Auftrag der Investmentbank HSBC Trinkaus & Burkhardt und in Zusammenarbeit mit dem Handelsblatt. Demnach erwarten zwar 85 Prozent der Befragten, dass China kurz- oder mittelfristig der „Markt der Zukunft“ sein wird. Gleichzeitig zeigt sich aber nur jeder Dritte dazu bereit, sein Geld in China-Anlagen zu investieren.

Vor allem weibliche und ältere Anleger zeigen sich mit Blick auf eine Geldanlage im Reich der Mitte skeptisch. Während bei den Männern immerhin 38 Prozent der Befragten einem China-Investment aufgeschlossen gegenüberstehen, würden nur 26 Prozent der Frauen persönlich in den chinesischen Markt investieren. Unter Altersgesichtspunkten hat China bei den 18- bis 29-Jährigen die höchste Akzeptanz, während nur gut jeder vierte Anleger über 60 Jahren dem dortigen Markt vertraut.

Ein wichtiger Grund für die Zurückhaltung der Investoren ist die nach wie vor geringe Transparenz des chinesischen Marktes. Dies gilt sowohl für die volkswirtschaftlichen Daten, die von der Regierung veröffentlicht werden, als auch für die komplizierte Struktur des chinesischen Aktienmarktes. So werden an den beiden Festland-Börsenplätzen in Schanghai und Shenzhen so genannte A- und B-Aktien gehandelt, die zu Aktiengesellschaften mit Sitz in China gehören. Darüber hinaus darf ein Teil der Konzerne seine Aktien mit staatlicher Genehmigung als H-Aktien an die international bedeutendere Börse in Hongkong bringen. Und schließlich gibt es die so genannten Red Chips: Aktien von Unternehmen in Hongkong, an denen Festlandschinesen mindestens 35 Prozent halten und die den Großteil ihrer Geschäfte in China tätigen. Diese werden ebenfalls in Hongkong gehandelt.

Gemeinsam waren allen vier Aktienklassen in den vergangenen Monaten starke Kursrückschläge. Seit Februar haben die China-Indizes um bis zu 30 Prozent nachgegeben. „Der Markt war absolut heiß gelaufen, der Absturz war die logische Konsequenz“, sagt Gerd Kirsten, Fondsmanager bei Deka Investment. Dass sich die Mehrheit der Befragten im Anlegerbarometer skeptisch zu China-Anlagen äußert, hält er für „im Moment absolut berechtigt“. Zwar erwartet Kirsten, dass die Korrektur an den China-Börsen langsam auslaufe. Impulse für steigende Kurse sieht er auf Grund des unsicheren wirtschaftlichen Umfelds aber vorerst nicht. „Die chinesische Regierung steht vor der schwierigen Aufgabe, den Wirtschaftsboom vorsichtig zu bremsen“, sagt Kirsten. „Die starke Konsumnachfrage heizt die Inflation an und könnte die Zentralbank zu weiteren Schritten, womöglich auch einer Zinserhöhung zwingen.“ In den vergangenen Monaten hatte die Zentralbank bereits die Kreditvergabe der Banken eingeschränkt.

Die aktuellen Probleme dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass China auf längere Sicht ein sehr interessanter Markt ist. „Langfristig geht für einen global anlegenden Investor kein Weg an China vorbei“, sagt Fondsmanager Kirsten und bestätigt damit die Ergebnisse des Anlegerbarometers.

Für Richard Wrong, Fondsmanager bei HSBC Asset Management, sprechen eine Reihe von Gründen dafür, dass die chinesische Wirtschaft in den kommenden Jahren weiter zu den „wachstumsstärksten der Welt“ zählen wird. Wichtige Faktoren seien etwa eine kräftige Binnennachfrage, hohe ausländische Direktinvestitionen und die fortwährende wirtschaftliche Restrukturierung und Liberalisierung des Marktes. Für 2004 erwartet Wong ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 8,3 Prozent, und im kommenden Jahr werde das BIP mit 7,7 Prozent nur geringfügig langsamer wachsen. Und dies wird sich Wong zufolge auf kurz oder lang auch wieder in steigenden Aktienkursen niederschlagen.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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