Faule Anlagegelder
Strukturierter Giftmüll im Depot

Seit der Krise um die halbstaatliche IKB-Bank besteht Ansteckungsgefahr auch für andere Institute – und die Ersparnisse privater Anleger.
  • 0

Für Jochen Sanio ist es praktisch, dass seine Behörde von Berlin nach Bonn umgezogen ist und nicht nach Frankfurt. Bonn ist näher an Düsseldorf – und dorthin musste der Chef der Bankenaufsicht BaFin zuletzt öfters. Vor wenigen Wochen versetzte Sanio WestLB-Chef Thomas Fischer den finalen Schubs, nachdem der über verlustreiche Aktienspekulationen gestolpert war. Das letzte Juliwochenende verbrachte er in Düsseldorf bei der IKB Deutsche Industriebank. Der unscheinbare Mittelstandsfinanzierer, an dem die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mit 38 Prozent beteiligt ist, hatte sich mit minderwertigen US-Hypotheken verspekuliert. Die vom amerikanischen Immobilienmarkt ausgehende Finanzkrise erreichte Deutschland.

Auch Anleger ohne Bankaktien im Depot könnten getroffen werden: durch Kursverluste bei Fonds und Zertifikaten, durch geschmälerte Renditen ihrer Lebensversicherungen und Pensionskassen. Deutschland drohe die "größte Bankenkrise seit 1931", sagte Sanio in einer Telefonkonferenz mit Finanzminister Peer Steinbrück, KfW-Chefin Ingrid Matthäus-Maier und Spitzenmanagern der deutschen Banken. Der Vergleich mag übertrieben wirken, aber er half, bei privaten Banken Geld zur IKB-Rettung lockerzumachen. 1931 hatte die deutsche Regierung nach Bankpleiten für zwei Tage alle Bankschalter schließen lassen. Die Krise 2007 begann ganz harmlos: An der Börse kursierten Gerüchte, deutsche Banken könnten Verluste mit schlecht abgesicherten US-Hypotheken (Subprime Mortgages) erleiden. Am 20. Juli meldete IKB-Chef Stefan Ortseifen trotzdem, die Bank sei "lediglich mit einem einstelligen Millionenbetrag" von der Subprime-Krise in den USA betroffen. Der für 2007 erwartete Gewinn werde erreicht. Alles schien in Butter – für zehn Tage.

Dann kündigten Deutsche Bank und mehrere ausländische Großbanken einer IKB-Tochter die Kreditlinien. Diese Tochter namens Rhineland Funding Capital wurde von der IKB gegründet, aber nicht in deren Bilanz geführt. Sie kauft länger laufende Kredite und verbriefte Forderungen auf und finanziert dies durch Ausgabe kurz laufender Wertpapiere, sogenannter Commercial Papers. Für die lang laufenden Papiere kassiert sie höhere Zinsen, als sie für die nur einen oder zwei Monate laufenden bezahlen muss. Das Problem: Die IKB hatte für die 13 Milliarden Euro schwere Rhineland auch schlecht abgesicherte US-Hypothekenkredite eingekauft. Wegen der Krise am dortigen Häusermarkt wurden diese Papiere immer weniger wert – und damit sank auch die Sicherheit hinter den kurz laufenden, die plötzlich niemand mehr kaufen wollte. Damit das ganze Konstrukt nicht zusammenbrach, musste Rhineland zugesagte Mittel von bis zu 8,1 Milliarden Euro von der IKB und den anderen Banken abrufen. Das ging schief. Die IKB stand allein da.

"Es bestand die Gefahr, dass der plötzliche Zusammenbruch einer mit AA gerateten Bank bei den Marktteilnehmern eine unerwünschte Verunsicherung ausgelöst hätte", so Sanio. "Dadurch wäre die deutsche Kreditwirtschaft unter Druck geraten – ohne dass es dafür einen sachlichen Grund gegeben hätte." Dass die staatliche KfW die Sache ausbaden soll, ärgert den Würzburger Betriebswirtschaftsprofessor Ekkehard Wenger: "Es gab keine Finanzkrise, nur die Schieflage eines einzelnen Instituts, was mit öffentlichen Geldern behoben werden soll." Der Bankenaufsicht und den Verantwortlichen im IKB-Aufsichtsrat wirft er vor, zunächst ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt und dann das wahre Ausmaß der Probleme verschwiegen zu haben. "Am Ende spielten sich Aufsicht, Finanzministerium und KfW dann als Retter des Finanzsystems auf", höhnt Wenger.

Seite 1:

Strukturierter Giftmüll im Depot

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Kommentare zu " Faule Anlagegelder: Strukturierter Giftmüll im Depot"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%