Feature zur Rollenverteilung
Frauengeduld contra Männerbauch

Die Chefs der großen, mittelgroßen und kleinen Banken in der Schweiz: alles Männer. Bei den Versicherern ist es fast das gleiche Bild. Wer über den Mittelpunkt des Finanzplatzes Zürich schlendert, den Paradeplatz, macht eine klare Rollenverteilung aus: Die Herren im dunklen Zwirn eilen hinein und hinaus aus den Gebäuden von UBS, Credit Suisse, Bank Leu, Julius Bär und wie sie alle heißen. Die Damen, derzeit gern im ärmellosen Kleid, sitzen bei einem Plausch gegenüber im Café Sprüngli. Doch dieses Bild bekommt Risse, haarnadelfeine zwar, aber immerhin.

ZÜRICH. Und das liegt einmal nicht am unter Druck geratenen Schweizer Bankgeheimnis. Erst stellte der Versicherer Converium, nicht der größte, aber lange Zeit einer der schlagzeilenträchtigsten, eine Frau an der Spitze ein, Inga Beale. Seither ist Ruhe, so dass die Dame kürzlich in einem Interview Platz hatte, über das Frausein so zu philosophieren: Es habe den Vorteil, dass sich alle immer an einen erinnern, weil man eine Frau ist.

Damit nicht genug des Frauenlobs. Ausgerechnet in einer Zeit, in der die Aktienkurse abwärts sausen, und ausgerechnet in einem 251 Jahre alten Traditionshaus wie eben der Bank Leu in Sichtweite des Paradeplatzes veranstaltete jetzt ein aufmüpfiger Verein von Damen, der sich „La Leonessa“ nennt, eine Diskussion zum Thema: „Erfolgreich investieren – ist dies eine Frage des Geschlechts oder der klügeren Anlagestrategie?“ Um es vorwegzunehmen – die Botschaft für Männer lautet auf einen einfachen Nenner gebracht: Fragen Sie Ihre Frau, bevor Sie Geld in die Hand nehmen! Und dieser Schluss ist durchaus wissenschaftlich abgesichert.

Alles fängt ganz harmlos mit der klassischen Kapitalmarkttheorie an, die davon ausgeht, dass alle Marktteilnehmer rational handeln. Dann kommt der erste Haken, der in der Schlussfolgerung besteht, wenn alle gleich rational handelten, müssten ja auch alle die gleichen Anlageentscheidungen treffen – was nicht der Fall ist. Männer immerhin wie John Maynard Keynes haben das erkannt und mit ihren Arbeiten zur Verhaltensökonomie die Kapitalmarkttheorie weiterentwickelt.

Zwei Faktoren sind es, die die persönliche Anlagestrategie entscheidend beeinflussen: die Selbsteinschätzung und die Risikowahrnehmung. Mit der Selbsteinschätzung ist das so eine Sache, wie schon der Psychologe Ola Svenson 1981 in einer repräsentativen Studie über Autofahrer nachwies. Danach glauben bis zu 90 Prozent der Chauffeure, dass sie besser als der Durchschnitt fahren, was logischerweise nicht stimmen kann.

Worauf solche Erkenntnisse hinauslaufen, wenn sie in die Hände der Frauen von „La Leonessa“ geraten, ist klar: Sie übertragen die Autofahrerstudie flugs auf den Kapitalmarkt. Die These: Männliche Händler meinen, mehr von Anlageentscheidungen zu verstehen als weibliche Finanzstrategen. Dies ist ein klarer Fall von Selbstüberschätzung also, der mindestens zu einem Übel führt: zu häufigeren Transaktionen und damit einhergehenden steigenden Kosten. Lydia Woerlen, Leiterin von „Women & Finance“ bei der Zürcher Bank Vontobel, einer Art Konkurrenz-Veranstaltung zu „La Leonessa“ bringt es so auf den Punkt: „Die Geduld der Frauen ist längerfristig die erfolgreichere Anlagestrategie als die Bauchentscheidungen der Männer.“

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