Finanzexperte Wolfgang Gerke
„Junge Leute sollten sich kräftig verschulden“

Der Finanzprofessor verzichtet im Interview mal auf sein Markenzeichen: die Fliege. Er erklärt, wie Anleger den Niedrigzinsen trotzen, wann Kunst-Investments lohnen und warum Griechenland die Euro-Zone verlassen sollte.
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Wer die Alpen mag, wird den Ausblick von Wolfgang Gerkes Terrasse lieben. Der emeritierte Finanzprofessor und Präsident des Bayerischen Finanz Zentrums hat sein Haus in einem idyllischen Alpendörfchen selbst entworfen. Die große Fensterfront, die Terrasse und der Balkon sind zu den schneebedeckten Bergen hin ausgerichtet. Während das Haus durch klare, schnörkellose Linien besticht, stehen im Garten ungewöhnliche und teils rostig anmutende Skulpturen.

Herr Gerke, wenn man sich in Ihrem Vorgarten umschaut, entdeckt man ungewöhnliche Figuren. Sind Sie unter die Schrottsammler gegangen?
Schrott ist ein echter Wertstoff und man kann aus Schrott ganz tolle Kunst machen. Diese Skulptur (siehe Foto) hat der Italiener Angelo Monitillo gemacht. Er sammelt und verarbeitet die originellsten Dinge, etwa einen Hercules-Tank aus einem Moped. Dadurch gibt es überraschende Effekte und es kommt etwas ganz anderes heraus, als wenn ich eine Figur selber gieße.

Ist das für Sie nur schön anzusehen oder auch eine Art der Geldanlage?
Das ist für mich Liebhaberei. Dabei denke ich nicht ans Geld, sondern folge meinem Bauchgefühl. Spricht mich das an? Will ich das um mich herum haben? Ich denke nicht daran, das wieder zu verkaufen. Wenn es wertbeständig ist oder sogar an Wert gewinnt, ist das aber ein schöner Nebeneffekt – besonders für die Kinder, die die Kunstwerke einmal erben werden.

Aktuell sind die Zinsen niedrig und die Aktienmärkte erreichen immer neue Rekorde. Sind alternative Sachwerte da nicht eine gute Idee?
Allerdings und viele Großanleger wie Family Offices pflegen diese Idee, holen sich Expertise und investieren in Kunst. Aber: Wenn man es wirklich macht, um damit Geld zu verdienen, ist es wichtig, nicht alles auf ein Pferd zu setzen – wie bei Aktien. Und man darf nicht alles auf einmal kaufen.

Wie lange sammeln Sie schon Kunst?
Das hat mich immer schon interessiert, ich wäre auch gerne Architekt geworden. Aber ich bin auch heute kein Kunstsammler im eigentlichen Sinne.

Wie gehen Sie vor? Schauen Sie, wo noch ein bisschen weiße Wand frei ist?
Nein, ich bin irgendwo, sehe etwas und sage „Mei, das gefällt mir!“ Dann versuche ich mich heranzupirschen und es zu bekommen. Neulich habe ich in Nizza eine Skulptur gesehen, die mir ausgesprochen gut gefallen hat, aber die sollte 60.000 Euro kosten. Und dann habe ich mir überlegt, wie viele andere Skulpturen ich für dieses Geld bekommen könnte – da kommt eben doch der Ökonom durch.

Wie würden Sie Ihren Kunstgeschmack beschreiben?
Ein Kunstwerk muss mir etwas geben. Das schaffen eher moderne Werke. Die Botschaft ist mir wichtiger als die Ästhetik. Außerdem habe ich es gerne, wenn ich die Künstler persönlich ein bisschen kenne. Der Name interessiert mich gar nicht. Wobei manche große Namen wirklich toll sind, ein Richter etwa. Bei einem Richter würde ich liebend gerne sofort zuschlagen. Sehr fasziniert hat mich auch Alfred Kubin, seine Zeichnungen sind einfach genial.

Kommentare zu " Finanzexperte Wolfgang Gerke: „Junge Leute sollten sich kräftig verschulden“"

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  • Was Sie beschreiben Herr Schmidt ist sicherlich richtig, jedoch gibt es auch andere Gruppen die durchaus über Kapital verfügen und Spielräume haben.

    Die von Ihnen angesprochene Gruppe hat sicherlich nicht die Mittel dazu und sollte sich auch nicht verschulden, dem kann man wohl nur zustimmen.Es gibt aber auch die Nesthocker die schon Jahre als Facharbeiter arbeiten, einen unbefristeten Arbeitsvertrag haben, keine Miete zahlen bei Mammi und die Kohle 10Jahre lang für Töpfe und Möbel aufs Sparbuch legen.

    Die Überschrift ist bewusst journalistisch, provokativ gehalten um Interesse zu wecken, was ja auch wohl gelungen scheint.

  • Jetzt mal Butter bei die Fische, hier geht es um junge Leute.

    Junge Leute haben heutzutage kein Eigenkapital angespart wegen ihrer hohen Konsumausgaben.

    Ebenfalls haben viele nicht mal einen sicherer Job weil sie in Dauerpraktikas oder Zeitarbeitsfirmen beschäftigt sind.

    Sollen diese Leute sich verschulden (kräftig verschulden steht bereits im Titel fett geschrieben) um derzeit überteuerte Immobilien und Aktien zu kaufen ?

    Was an sich stört ist die fette Überschrift: „Junge Leute sollten sich kräftig verschulden“. Wenn das eine Provokation sein soll dann ist es gelungen. Die Empfehlung an sich ist bezahler Lobbyismus für die Banken.

  • Wie da. Herr Gerke.
    "Wenn die Zinsen wieder anziehen, wird die Inflationsrate mit anziehen, sie müssen also weniger zurückzahlen".

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