Finanzielle Indikatoren allein ergeben kein komplettes Bild des Unternehmens
Umwelt und Soziales ziehen in Lageberichte der Dax-30-Konzerne ein

Die Mehrheit der im Dax-30 notierten deutschen Konzerne plant, dieses Jahr Leistungsindikatoren zu Umwelt- und Sozialaspekten in ihre Geschäftsberichte zu integrieren. Das ergab eine dem Handelsblatt exklusiv vorliegende Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte, dem Bundesumweltministerium und Axel Hesse, Berater für Nachhaltigkeitsmanagement.

Die Konzerne reagieren damit auf die neuen EU-Vorschriften, die mit dem Bilanzrechtsreformgesetz eingeführt wurden. Rund 88 Prozent stufen Informationen über Umwelt- und Arbeitnehmerbelange als bedeutsam „für das Verständnis des Geschäftsverlaufes oder der Lage“ ein. Ist dem so, müssen große Kapitalgesellschaften ab dem Geschäftsjahr 2005 im Lagebericht ‚nicht-finanzielle’ Leistungsindikatoren darstellen, wie die Paragraphen 289 und 315 des Handelsgesetzbuches (HGB) bestimmen. Da sie finanziell bedeutsam sind, nennen Experten sie extra-finanziell.

Nur 12 Prozent der Unternehmen meint, dies treffe derzeit und mittelfristig für sie nicht zu. Sie geben keine derartigen Informationen.

Innerhalb des Lageberichts wird die Hälfte der Unternehmen extra-finanzielle Angaben in einem separaten Abschnitt „Nachhaltigkeit“ veröffentlichen, wie Bayer es schon getan hat. Andere bringen Informationen im Risikoteil unter.

Fast 60 Prozent der Konzerne werden nachhaltige Leistungsindikatoren zusätzlich in separaten Teilen des Geschäftsberichts veröffentlichen. BASF geht am weitesten: der Chemiekonzern integrierte den Umwelt- und Sozialbericht bereits komplett in den Unternehmensbericht. Im daneben veröffentlichten Finanzbericht fänden sich aber nur wenige, vage Ausführungen, die kaum mit dem Kerngeschäft und materiell relevanten Aspekten verknüpft seien, relativiert Dustin Neuneyer, Investmentexperte der Nichtregierungsorganisation Germanwatch.

Zunehmend werde sich Nachhaltigkeit als Teil des Risikomanagements widerspiegeln, erwartet Albrecht Ruppel, Referent des Instituts der Wirtschaftsprüfer. „Die Bedeutung extra-finanzieller Aspekte für die Einschätzung der Risikoprofile von Unternehmen wächst“, betont George Dallas, geschäftsführender Direktor der Kreditratingagentur Standard & Poor’s.

Deloitte hat in Düsseldorf eine eigene Gesellschaft für diese Themen gegründet, „weil Anleger und Investoren zunehmend Nachhaltigkeitsinformationen und Transparenz verlangen“, erklärt deren Geschäftsführer Joachim Ganse. Laut einer internationalen Studie von Deloitte denken 94 Prozent von 250 befragten Managern, „dass finanzielle Leistungsindikatoren allein nicht adäquat die Stärken und Schwächen ihrer Unternehmen erfassen.“

Die Bedeutung von Nachhaltigkeitsindikatoren werde für die Geschäftsentwicklung immer wichtiger und sei mittel- bis langfristig sehr hoch, meinen die meisten der Dax-30-Konzerne. Die größten Herausforderungen seien das globale Bevölkerungswachstum, die Migration sowie der Klimawandel.

Investoren seien die wichtigste Zielgruppe für extra-finanzielle Informationen, sagen die Unternehmen. Bei gut der Hälfte antwortete der Bereich ‚Investor Relations’. „Die meisten Unternehmen stehen aber erst am Anfang der Integration, die die materiell wichtigsten Nachhaltigkeitsindikatoren ermittelt und ihre künftigen Auswirkungen auf die Finanzperformance den Zielgruppen der Finanzberichterstattung bewertet und erläutert“, urteilt Hesse. Die aufgelisteten Indikatoren seien überwiegend zu allgemein formuliert.

Eine Folgestudie soll im Sommer prüfen, ob sie in den Berichten konkretisiert werden und darstellen, inwieweit sie für Geschäftsverlauf und Lage von Belang sind. „Selbst wenn die wirtschaftliche Relevanz einiger extra-finanzieller Leistungsindikatoren nicht quantitativ darstellbar ist, sollte man sie qualitativ erläutern“, meint Hesse. Das erleichtere Analysten und Investoren die Arbeit.

Die britische Regierung hat daher Ende Januar Leitlinien (KPI) zur Umsetzung der „International Financial Reporting Standards“ (IFRS) veröffentlicht mit Schlüsselindikatoren für alle Branchen. Indikatoren sollten messbar sein und im Jahres- und Branchenvergleich dargestellt werden, heißt es. Unternehmen sollten sich quantitative Ziele setzen und den Bezug zu Finanzleistungen erklären.

Für deutsche Unternehmen bietet der neue Rechnungslegungshinweis des Instituts der Wirtschaftprüfer vom Oktober (IDW RH HFA 1.007) konkrete Orientierungshilfe. Als Indikatoren nennt er unter anderem Fluktuation, Betriebszugehörigkeit, Vergütungsstruktur und Fortbildungsmaßnahmen sowie Emissionswerte, Energieverbrauch und Realisierung von Umweltaudits. Manche Firmen nutzen auch die noch konkreteren, branchenbezogenen Leitlinien für Nachhaltigkeitsberichte der Global Reporting Initiative (GRI).

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