Finanzkrise
Leer verkauft und voll verzockt

Die Möglichkeiten, das eigene Depot abzusichern, sind zahlreich. Ob die Maßnahmen tatsächlich effektiv sind, kann dabei allerdings nur der Ernstfall zeigen. In den USA wollten viele Anleger ihre Depots gegen mögliche Einbrüche schützen und gingen dabei vor wie Profis. Die Subprime-Krise jedoch hat allesamt eiskalt erwischt.

Tagsüber arbeitet Brian Abbott als Arzt im Krebskrankenhaus in Great Falls, Montana. In seiner Freizeit investiert er mit geborgtem Geld, handelt mit geliehenen Aktien und Weizenkontrakten. Doktor Abbott versucht, sein Portfolio gegen plötzliche Markteinbrüche zu immunisieren. Dabei benutzt er Investmentwerkzeuge, die man normalerweise mit Hedge-Fonds und Banken in Verbindung bringt. Aber der 35-jährige Arzt hat in den vergangenen Wochen eine schlechte Erfahrung gemacht. Das Depot im Wert von rund einer Million Dollar, das er verwaltet, hat sich nicht als immun, sondern als anfällig erwiesen. „Die Dinge, die es hätten schützen sollen, haben nicht funktioniert“, rekapituliert Abbott die Turbulenzen der vergangenen Wochen. „Plötzlich schien alles ins Rutschen zu geraten.“

Eine wachsende Zahl amerikanischer Privatanleger haben ihre Depots krisenfest machen wollen, schützen wollen vor einer Baisse wie die von 2000 bis 2002, als der Dow-Jones-Index um 38 Prozent nach unten rauschte. Schließlich haben die Finanzingenieure der Wall Street eine Fülle von Produkten entworfen, damit Kleinanleger ihre Depots absichern können wie die Profis. Das hat viele Privatanleger dazu gebracht, in ausländische Aktien oder Devisen zu investieren. Auch an Rohstoffterminkontrakte und Leerverkäufe – damit profitiert man von fallenden Kursen – wagten sie sich heran.

Nun geht es den Amateuren wie den Profis: Viele Absicherungsstrategien gingen nicht auf. In den vergangenen Wochen haben sich die Märkte in einer Art und Weise entwickelt, die auch erfahrene Akteure ratlos macht. Zuerst hat der nachgebende Immobilienmarkt die weit verbreiteten Investmentprodukte einbrechen lassen, die an zweitklassige Hypotheken gekoppelt waren. Die Turbulenzen dehnten sich auf die breiteren Kreditmärkte aus, als Investment- und Hedge-Fonds schwere Verluste bekanntgaben. Die Aktienmärkte fingen an zu rotieren. Investments, die eigentlich keine Wechselwirkung ausweisen sollten, fielen plötzlich alle gleichzeitig.

Auch Ed Chambless gehört zu denen, die vom simplen Investieren in Aktien und Anleihen abgekommen sind. Der pensionierte Flugzeugpilot kam während der Baisse Anfang des Jahrtausends ins Grübeln. 2002 verkaufte er sein Haus in Atlanta und legte den Erlös verteilt auf ferne Regionen und ausgeklügelte Investmentprodukte an, um gegen einen weiteren Abschwung gewappnet zu sein. Zu der Zeit besuchte er eine Anlegermesse in Las Vegas, die „Money Show“. Dort ließ er sich von einer Präsentation über den weltweit wachsenden Rohstoffbedarf, vor allem von China und Indien beeindrucken. Der heute 69-Jährige kaufte also Rohstoff-Fonds, einen Edelmetallfonds und Einzeltitel wie Newmont Mining oder gar Aktien des russischen Energiekonzerns Yukos. In der Annahme, dass die Ausgabenpolitik der US-Regierung den Dollar schwächen werde, investierte er in australische und neuseeländische Dollar sowie in eine japanische Immobilienaktiengesellschaft (Reit).

„Ich versuche ganz klar zu diversifizieren“, sagt er. Sein Depot gewann langsam, aber stetig an Wert, von 850 000 Dollar 2002 auf rund eine Million Dollar vor einigen Wochen. Seither haben sich seine Ersparnisse allerdings recht schnell um 27 000 Dollar verringert. Der Rentner glaubt, dass er die gegenwärtigen Turbulenzen aussitzen kann. Gleichwohl wünscht er sich, er hätte etwas mehr Geld liquide gehalten. Er muss nun so viele Investments im Blick haben, dass er noch gar keinen Überblick darüber hat, welches in den vergangenen Wochen am meisten verloren hat.

James Hayden, ein 71-jähriger Rentner aus Falls Church, Virginia, hat erst vor zwei Monaten angefangen, über börsengehandelte Fonds (ETF) in die Märkte von Schwellenländer zu investieren. Die Fonds hat er sich übers Internet ausgewählt, mit Hilfe von Analyseprogrammen des Researchhauses Morningstar. Bis dahin hatte er sein Geld in seinen 14 Jahren als aktiver Investor in konventionelle Investmentfonds gesteckt – in der Internetblase zwar einiges davon verloren, aber das Minus peu à peu wieder wettgemacht. Und nun schwenkte er schließlich in Märkte, die in den Hitlisten die höchsten Renditen aufwiesen. „Autsch! Das ist furchtbar“, kommentiert er die Wertentwicklung seiner Brasilien- und Korea-Fonds, die letzte Woche einknickten. „Ich brauche das Geld, um meine Rechnungen zu bezahlen“, jammert der frühere Smithonian-Fotograf. Er lebt in seinem Haus zur Miete und muss, wie er sagt, mit einer bescheidenen Rente auskommen. Die versucht er, mit Spekulieren aufzupeppen. Sein Depot schätzt er auf unter 100 000 Dollar. 20 Prozent davon steckt in den beiden ETFs, der Rest in fünf Investmentfonds.

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