Finanzmärkte setzen auf EU-Beitritt und steigende Kurse - Anleger müssen Risikobereitschaft mitbringen
Türkei lockt internationales Kapital an

Während die Politiker noch darüber diskutieren, ob der Beitritt der Türkei zur Europäischen Union (EU) sinnvoll ist, spekulieren die Anleger auf die Macht des Faktischen. Der rasante Kursanstieg an den türkischen Finanzmärkten in den vergangenen Jahren lässt viele Akteure nicht mehr daran zweifeln, dass das Land zwischen Europa und Asien in absehbarer Zeit EU-Mitglied wird.

HB FRANKFURT/M. Das schürt Kursphantasie, wie es im Börsianer-Jargon heißt. So setzen viele Fachleute auf weiter, wenn auch nicht mehr so stark steigende Notierungen und sehen als Garanten dafür Reformen und politische Stabilität. Gleichwohl stehen großen Renditechancen auch Risiken gegenüber.

Bis vor kurzem noch hatten sich Ökonomen, Analysten und Anleger über die Wertentwicklung türkischer Finanzmärkte verwundert die Augen gerieben. Immer wieder war die Frage nach den Ursachen der Höherbewertung zu hören, die türkische Vermögenswerte während der vergangenen vier Jahre verzeichnet haben. Oft wurde der Aufschwung der weltweit üppigen Liquidität in Verbindung mit fehlenden Anlage-Alternativen zugeschrieben. Dadurch schrumpften die Risikoprämien von Geldanlagen in den Schwellenländern (Emerging Markets) deutlich. Doch an den türkischen Finanzmärkten fiel der Aufschwung überdurchschnittlich aus. Daher sind die meisten Analysten inzwischen überzeugt, dass die Ursachen für die zunehmende Anziehungskraft der Türkei als Anlageland in günstigen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen des Landes selbst zu suchen sind.

Der einst auf der Intensivstation liegende Patient Türkei hat sich inzwischen so gut erholt, das ihm bereits nach kurzer Regenerationsphase eine gute Konstitution bescheinigt wird. Dies kommt auch in der verbesserten Bonitätseinstufung der großen Ratingagenturen zum Ausdruck. Bei Fitch und S&P erhält die Türkei ein Rating von „BB-“ und bei Moody’s von „B1“ – allerdings sind das bei allen Fortschritten immer noch Noten für ein spekulatives Investment.

Ein Spiegelbild des politischen und wirtschaftlichen Aufwärtstrends in der Türkei ist die Börse in Istanbul. Die Aktienkurse sind – gemessen am ISE-100-Aktienindex – seit Anfang 2003 um rund 200 Prozent gestiegen.

Das für die Bevölkerung und die Wirtschaft gleichermaßen schmerzhafte Anti-Inflationsprogramm der Regierung hat dazu geführt, dass die Zinsen in der Türkei in den vergangenen Jahren kräftig gesunken sind. Ein Beispiel: Der Kurs der 2030 fälligen 11,875-prozentigen türkischen Dollar-Benchmark-Anleihe hat sich von 70 Prozent im September 2001 auf 145 Prozent mehr als verdoppelt, so dass die Rendite von 17 auf knapp acht Prozent gefallen ist.

Was viele Anleger an Türkei-Investments reizt, ist die Erwartung, dass die Renditen von in Lira ausgegebenen Inlandsanleihen im Hinblick auf den EU-Beitritt weiter fallen und sich dem Euro-Niveau annähern. Diese Konvergenzspekulation hatte Anlegern bei Anleihen anderer EU-Beitrittsländer hohe Renditen beschert. Die jüngste Auktion fünfjähriger Lira-Staatsanleihen brachte am Donnerstag eine Rendite von 15,15 Prozent – und damit immerhin zwölf Prozentpunkte mehr als vergleichbare Euro-Bundesanleihen. Auch der Devisenmarkt reflektiert das höhere Anlegervertrauen. Noch im Februar 2003 mussten Türken für einen Dollar 1,80 Lira zahlen – derzeit kostet ein Dollar noch 1,35 Lira .Analysten der DZ Bank halten die jüngste Aufwertung indes für übertrieben und erwarten eine Korrektur.

Seite 1:

Türkei lockt internationales Kapital an

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%