Firmen mit Ankeraktionären
Solide Konzerne sind an der Börse billig

Unternehmen mit einem Großinvestor aus der Familie oder dem Gründerkreis werden an der Börse meistens abgestraft. Die Begründung: Ihnen fehlt die Übernahmephantasie – und damit ein wichtiger Investorenkreis. Dabei haben sie oft die deutlich bessere Bilanz.
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DÜSSELDORF. Auf den Schutz eines Großinvestors verlassen sich 33 der 100 größten deutschen Industrie- und Dienstleistungsfirmen. Unerwünschte Kaufinteressenten werden durch Aktienpakete in fester Hand zwar abgeschreckt. Die Unternehmen bezahlen das aber mit einer vergleichsweise niedrigen Bewertung. Sie sind damit billiger zu haben als andere - theoretisch.

Ganz anders die Konkurrenz mit breit gestreuten Aktien. Im Schnitt würde es neun Jahre dauern, bis diese Unternehmen, gemessen am eigenen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, ihren aktuellen Unternehmenswert verdient hätten. Dieser errechnet sich aus dem Börsenwert und der Verschuldung, abzüglich liquider Reserven. Das wäre auch der Preis, den ein Käufer tatsächlich für eine Übernahme aufbringen müsste.

Bei den geschützten 33 Firmen würden dagegen 8,1 Jahre reichen, um dem Käufer seinen Übernahmepreis zurückzuzahlen. Anders ausgedrückt: Unternehmen, deren Aktien breit gestreut sind, genießen einen elfprozentigen Aufschlag an der Börse. Es ist eine Art Prämie, mit der Investoren auf eine Übernahme und damit auf einen höheren Aktienkurs spekulieren. Basis für die Berechnungen des Handelsblatts sind jeweils die Halbjahresbilanzen und die Schätzungen des operativen Gewinns für das laufende Jahr, zusammengestellt von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).

Unternehmen mit einem strategischen Großinvestor fallen durch solidere Bilanzen auf. 15 der 33 von einem Ankeraktionär geprägten Firmen wiesen zum ersten Halbjahr 2010 mehr Cash als Schulden aus. Einige sind praktisch schuldenfrei, darunter der Maschinenbauer Aixtron und der Brillenhersteller Fielmann. Etliche Unternehmen sind so niedrig bewertet, dass sie mit ihrem operativen Geschäft in weniger als sechs Jahren ihren eigenen Firmenwert verdienen, also den Übernahmepreis. Der kleine Telekom-Rivale QSC schafft es in weniger als drei Jahren.

Ganz anders ist die Situation bei Unternehmen ohne einen strategischen Ankeraktionär. Nur sechs der 66 Konzerne kommen auf mehr Cash als Schulden; sieben benötigen 15 Jahre und mehr, ehe sie vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen ihren Unternehmenswert und damit den Übernahmepreis verdienen - darunter die Solarfirma Conergy, die Immobilienfirmen Gagfah und IVG Immobilien sowie der angeschlagene Bezahlsender Sky.

Ankeraktionäre aus der Familie sind selten bereit, ihr Lebenswerk einem anderen Konzern zu verkaufen. Zarte Übernahmegerüchte wie jüngst beim Kosmetikhersteller Beiersdorf sind die Ausnahme. Amerikas Konsumgüterriese Procter & Gamble interessiert sich für den Nivea-Hersteller aus Deutschland, weiß aber um seine Machtlosigkeit, solange die Familie Herz jegliches Werben ignoriert.

Generell fehlt familiendominierten Firmen die Übernahmefantasie und damit ein wichtiger Investorenkreis: Anleger, die Aktien in Erwartung einer Übernahme kaufen. Solche Geschäfte lohnen sich, weil Käufer ihr Angebot üblicherweise mit einem Aufschlag versüßen, um Altaktionäre zum Verkauf zu animieren. Statistisch betrachtet beträgt der Aufschlag gegenüber dem Aktienkurs unmittelbar vor der Offerte durchschnittlich knapp 30 Prozent. Auf Fusionen spezialisierte Investment- und Hedge-Fonds setzen oftmals ausschließlich auf Übernahmekandidaten.

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