Flaggschifffonds
Auf den Zahn gefühlt

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Anzeichen für Glaubwürdigkeit

Eine zentrale Frage von Anlegern und Beratern an PRI-Mitglieder hat folglich zu lauten: Müssen deren Analysten und Portfoliomanager Vorgaben einhalten, dass und wie sie ESG-Aspekte zu beachten haben? Denn Nachhaltigkeit muss in die üblichen Prozesse integriert werden, damit man sie nicht ignorieren kann. Das ist nur erfolgreich, wenn die Menschen verstanden haben, worum es geht und dass es sinnvoll ist.

Anzeichen für Glaubwürdigkeit sind umfangreiche Schulungen und Vernetzungen von Produktentwicklern, Analysten, Portfoliomanagern, Vertriebsleuten und Beratern über alle Anlageklassen hinweg. Hierzu geben die Fondprospekte keinen Aufschluss. Auch die auf der PRI-Plattform veröffentlichten Berichte bleiben vielfach die Antwort schuldig, wie Verantwortlichkeiten gewährleistet werden. Um die Ernsthaftigkeit der Anbieter erkennen zu können, wäre folglich auch zu fragen: Existieren verbindliche Ziele und Zeitvorgaben für einen Ausbau nachhaltiger respektive verantwortlicher Kapitalanlagen? Zwar sind die Entwicklungen der Kapitalmärkte kaum vorhersehbar. Gleichwohl sollte sich ein Dienstleister ebenso dazu positionieren können wie ein Hersteller zur Aussage, welchen „nachhaltigen“ Umsatzanteil er bis wann erreichen will. Das ist eine strategische Frage.

Spannend ist, ob es Gesellschaften gibt, die konventionelle Flaggschifffonds oder ihre Fondspalette auf Nachhaltigkeit ausrichten. Bei Privatbanken wird man fündig. Die Metzler Asset Management richtete 2016 ihre beiden Aushängeschilder – Metzler European Growth mit 1,65 Milliarden Euro und den Metzler Smaller Companies mit 1,5 Milliarden Euro – neu aus. Sie wurden nicht komplett umgestellt, sondern „drei Elemente sollen sie nachhaltiger machen: Mindestausschlusskriterien, aktives Aktionärstum über einen Partner sowie eine zunehmende Integration einiger Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien“, erläutert Axel Hesse, für ESG-Integration zuständig.

Die Mindestkriterien seien nicht so streng wie bei Nachhaltigkeitsfonds. Aber es seien schon Titel aus dem Portfolio entfernt worden infolge schwerwiegender Kontroversen hinsichtlich internationaler Konventionen. Bei großen Benchmark-Titeln kann der Investmentchef über Ausnahmen entscheiden.

Die Bethmann Bank wählte einen anderen Weg. Sie orientierte sich um und legte 2011 eine nachhaltige Fondsfamilie auf, darunter ein Portfolio für Stiftungen. Die Anleger wissen das zu schätzen. „Seither hat sich der Stiftungsfonds mit aktuell ca. 450 Millionen Euro Volumen zu unserem ‚Flagschiffprodukt‘ entwickelt“, sagt Dorothee Elsell, Leiterin Vermögensverwaltung Spezial. Die klassische Fondsfamilie gibt es zwar nach wie vor, und deren ausgewogener Mischfonds, vorher am bekanntesten, ist immer noch der größte. „Aber er reicht vom Volumen und der öffentlicher Wahrnehmung her nicht an den Stiftungsfonds heran.“

Es ist folglich durchaus möglich, seine Flaggschifffonds oder sich als Anbieter auf mehr Verantwortung zu trimmen. Das ist ratsam, nicht nur aus Risikoerwägungen. Denn kaum glaubwürdig ist, über Nachhaltigkeit zu schwadronieren, wie das die Deutsche AM und andere tun, ein paar diesbezügliche Fonds anzubieten, aber den Hauptteil des Geschäfts mit herkömmlichen Produkten zu machen.

Berater Malmendier meint: „Nach unserem Eindruck kommt der Megatrend Nachhaltigkeit derzeit Schritt für Schritt bei großen Investmenthäusern an. Aber noch sind es zarte Pflänzchen.“ Manch großer Volumenfonds schließe Streumunition und Antipersonenminen aus, handhabe einzelne Positivkriterien wie Technologien zur Verringerung von klimaschädlichen Emissionen oder achte auf Reputationsrisiken.

„Unter den sehr großen Fonds finden wir derzeit noch keine umfassenden Nachhaltigkeitskonzepte. Ich persönlich bin aber davon überzeugt, dass dies kommen wird.“ Denn bei weltweiten Aktienstrategien sei die Performance nachhaltiger Strategien vergleichbar oder besser als bei konventionellen. „Zudem bietet die Integration von ESG-Kriterien in den Investmentprozess ein zusätzliches Risikomanagement.“ Gleiches gelte mittlerweile auch für defensive Mischfonds und andere Anlageklassen.

Die Entwicklung erhält möglicherweise einen Impuls durch die revidierte europäische Finanzmarktrichtlinie MiFID II, die unter anderem den Anlegerschutz verbessern soll. Alle in EU zugelassenen Fonds müssen derzeit daran angepasst werden. „Das wäre der ideale Zeitpunkt für alle PRI-Unterzeichner, ihre ESG-Politiken in die Fondsprospekte aufzunehmen, damit Anleger und Berater erkennen können, was die Häuser tun“, sagt Andrew Murphy, Chef der Bonner Vermögensverwaltung Murphy & Spitz. Er analysiert Fonds in Portfolien seiner Kunden inzwischen selber, weil er mit den Angaben der Anbieter unzufrieden ist.

Um einen Eindruck zur Ernsthaftigkeit zu gewinnen, können Anleger unterdessen ihre Bank, Berater oder Vermögensverwaltung fragen, welcher Vermögensanteil beim jeweilige Fondsanbieter in nachhaltige Produkte respektive verantwortlich gemanagte Konzepte investiert sind. Und ob zumindest einige nachhaltige Kriterien über alle Produkte und Konzepte hinweg gelten. Je mehr derartiges Interesse an die Gesellschaften gespiegelt wird, desto eher gehen sie auf solche Anforderungen ein.
Banken, Berater und Asset Manager fragen

Die Nichtregierungsorganisationen Facing Finance und Urgewald haben 2016 exemplarisch einige der größten und in Deutschland gängigsten Fonds unterschiedlicher Kapitalanlagegesellschaften untersucht. Fast überall finden sich demnach auch Rüstungskonzerne, wie die NGOs darstellen.

„Jenseits von Streumunition muss man explizit nachfragen, wenn man keine Fonds mit Rüstungskonzernen haben will“, sagt Barbara Happe, Finanzreferentin von Urgewald. Viele Institute böten solche Fonds, arbeiteten aber oft mit Schwellenwerten wie einem Umsatzanteil von fünf bis zehn Prozent. Darum könnten Konzerne wie Thyssen-Krupp oder Daimler trotzdem in solchen Fonds auftauchen. Das passiere manchmal sogar auch bei Produkten von bestimmten Kirchenbanken.

Die in der NGO-Liste genannten Kapitalanlagegesellschaften bieten alle auch zahlreiche als nachhaltig bezeichnete Fonds an. „Hier ist Vorsicht geboten“, sagt Happe, „Anleger und Journalisten sollten genau hinschauen, welche Ausschlusskriterien es gibt und wie Ausschlusskriterien formuliert sind.“

Susanne Bergius
Susanne Bergius
/ selbstständige Journalistin

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