Frankfurter Gespräch
„Nach der Korrektur droht die zweite Verkaufswelle“

Die Turbulenzen an den Börsen könnten weitergehen. Im Interview verraten drei Anlageexperten, wie sich die Depots sichern lassen, ob der Einstieg wieder lohnt oder ein neuer Crash kurz bevor steht.
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Herr Holtkemper, was würden Sie in den turbulenten Zeiten einem Anleger raten, der 20 000 Euro anlegen möchte?

Gustav Holtkemper: Man muss differenzieren, mit welcher grundsätzlichen Haltung der Anleger den Märkten gegenübersteht. Wenn er meint, die Märkte sind zu nervös und haben nach unten übertrieben, dann sind das durchaus Kaufkurse. Wenn er denkt, wir haben eine krisenhafte, zugespitzte Situation, dann sollte er sein Geld liquide parken und warten.

Und wenn es sich um einen konservativen Anleger handelt?

Holtkemper: Dann empfehlen sich zum einen kurzlaufende Liquiditätsanlagen, etwa Tagesgeld und Festgeld, zum anderen Rentenpapiere, etwa Anleihen mit kurzer Laufzeit von zwei oder drei Jahren, um bei der Wiederanlage von steigenden Zinsen zu profitieren. Mit der Zeit kann man darüber nachdenken, wie man sinnvoll weiter vorgeht.

Stimmen Sie zu, Herr van Loon?

Andreas van Loon: Längerfristig machen beispielsweise Pfandbriefe als Parkplatz Sinn. Die als sicherer Hafen gern gekauften Bundesanleihen sind für mittlere Laufzeiten keine Alternative. Denn sie bringen aktuell weniger ein als Festgeld für drei Monate. Der Anleger verliert damit nach Inflation und Steuern Vermögen und geht noch ein Zinsänderungsrisiko ein. Das wäre spekulativ.

Wie verhalten sich private Anleger angesichts der Börsenverluste?

Van Loon: Unsere Privatkunden reagieren relativ entspannt. Viele haben Aktien verkauft, als bestimmte Kursniveaus durchbrochen wurden, und diskutieren mit uns Möglichkeiten, Geld zu parken, oder etwa auch Anlagen in Immobilien.

Bei Ihnen Herr Holtkemper?

Holtkemper: Es gibt Kunden, die sagen, die Fundamentaldaten haben sich in den vergangenen zwei Wochen nicht geändert, die Auftragsbücher von Konzernen wie Siemens oder Daimler sind immer noch voll. Es gibt aber auch viele Kunden, die beunruhigt sind. Diese Kunden haben einen Teil ihres Depots liquidiert. Von panikartigen Verkäufen kann man aber nicht sprechen. Wenn eine gesunde Mischung an Anlageformen vorhanden ist, dann gibt es auch kein panikartiges Verhalten. Der risikobewusste Kunde sollte aktuell nicht mehr als 30 bis maximal 50 Prozent Aktien im Depot haben.

Herr Mainert, nach dem Börseneinbruch – sehen wir derzeit Kaufkurse?

Ingo Mainert: Das kommt auf den Anlagehorizont an. Grundsätzlich sagen die meisten Anleger, sie seien strategische Investoren und würden ihr Geld langfristig anlegen. In der Realität sprechen wir nach Umfragen aber nur von sechs Monaten. Doch um auf Aktien zu setzten, muss der Anleger viel Zeit mitbringen – mindestens zwei Jahre. Er braucht tiefe Taschen.

Wie weit kann der Dax fallen?

Mainert: Das ist aktuell nicht zu beantworten. Bei einem zwischenzeitlich erreichten Niveau von 5 500 nähern wir uns dem Buchwert der 30 Unternehmen aus dem Dax, der aktuell bei 5 200 Zählern liegt und durch das Eigenkapital der Konzerne gedeckt ist. Bevor es zu einer Bodenbildung kommt, sehen wir aber meist Panikverkäufe. Mitte der Woche waren erste Ansätze zu erkennen.

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  • Ja,das sind Finanzexperten.Ich würde es auch für mich behalten,wenn ich einen brauchbaren Tip für rentable Anlage hätte und dem Pöbel nur dieses unverbindliche,abwiegelnde Banken- und Versicherungsblabla hinschmeißen.

  • Die Fundamentaldaten haben sich in den vergangenen kurzen Jahrzehnten nicht geändert. Banker (sind keine Experten und nur an Profit interessiert)haben es geschafft alle Währungen der letzten Jahrhunderte durch Schulden, die nie zurückgezahlt werden können, crashen zu lassen. Jetzt ist de Euro an der Reihe. Wann werden denn hier denn mal endlich Experten statt Banker und Politiker zu Wort kommen? Wer jetzt nicht aus Aktion, Anleihen, Pfandbriefen aussteigt, dem bleibt, wie nach allen vorhergegangenen Crashs nur noch die Armut. Es sei denn man hat Gold. Diese Währung hat Jahrtausende überstanden. Leider verdienen aber die Banken nicht so viel beim Verkauf von Gold.

  • Herr Mainert rät, das "Anlageuniversum in Richtung Schwellenländer zu verbreitern." Am 19.06.2011 schrieb das Handelsblatt "Investoren verlieren Vertrauen in Schwellenländer".
    http://www.handelsblatt.com/finanzen/boerse-maerkte/anlagestrategie/investoren-verlieren-vertrauen-in-schwellenlaender/4289024.html
    Damals hieß es u.a.: "Der Deutsche-Bank-Experte John-Paul Smith, der für die Aktienmärkte in Schwellenländern zuständig ist, erwartet, dass sich diese bis zum Jahresende sogar um rund 15 Prozent schlechter entwickelt haben werden als die in den Industrieländern. Er sieht die deutliche Gefahr eines größeren Ausverkaufs." (Was wir heute erleben, ist das Gegenteil, nämlich der Ausverkauf in den Industrieländern.) Am 21.04.2011 schrieb die FTD "Schwellenländerparty vor dem Aus". Monatelang brachten HB und FTD Meldungen, die Schwellenländerparty sei vorbei, und nun kommt der Rat zum Einstieg. Ich finde das irgendwie merkwürdig. Ich frage mich, wie es um die Experteneinschätzungen steht. Kann man zu jeder Zeit für jede Meinung einen Experten finden und wählt das HB einmal die einen Experten aus und dann wieder die anderen? Was sagt DB-Experte John-Paul Smith heute zu seiner Einschätzung von vor zwei Monaten? Und was hat Herr Mainert vor zwei Monaten zu Schwellenländern gesagt?

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