Fünf Fragen an: Martin Weber
„Ein kleines Wunder, das etwas dauert“

Martin Weber ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Finanzwirtschaft an der Universität Mannheim. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht er unter anderem über die wichtigsten Voraussetzungen für die optimale Ausnutzung des Zinseszinseffektes.

Handelsblatt: Das Prinzip Zinseszinseffekt klingt ja erstmal recht einfach: Geld auf die hohe Kante legen und dann einige Jahrzehnte lang nicht anrühren. Ist es wirklich so simpel?

Martin Weber: Eigentlich schon. Allerdings muss man auch bedenken, dass Steuern und Inflation den Zinseszinseffekt über die Jahre deutlich kappen. Wenn Sie von acht Prozent Rendite ausgehen und darauf drei Prozent Steuern rechnen, also fünf Prozent Rendite nach Steuern erzielen, hat sich das Ergebnis schnell um die Hälfte verringert. Aber: Wenn Sie das Geld nur in die Schublade legen, dann frisst die Inflation es genauso auf.

Was sind die wichtigsten Voraussetzungen, wenn ich als Sparer den Zinseszinseffekt optimal ausnutzen will?

Die Zinseszinskurve steigt hinten immer höher. Deshalb muss das Geld möglichst lange angelegt werden und Sie dürfen nicht zwischendurch drangehen. Viele Leute entnehmen nämlich über die Jahre doch wieder einiges – weil sie nicht abwarten wollen oder das Geld zum Beispiel für den Hausbau brauchen. Und damit ist die Langfristigkeit der Anlage wieder dahin.

Wird der Zinseszinseffekt von den Anlegern normalerweise unterschätzt?

Auf jeden Fall. Als ehemalige Jäger und Sammler können wir einige Dinge ganz gut intuitiv erfassen: Bei der Addition und Subtraktion etwa haben wir ein Gefühl dafür, was in etwa stimmt. Aber beim Zinseszins, oder auch beim Glücksspiel mit Würfeln, klappt das nicht. Darauf sind wir einfach nicht trainiert.

In den vergangenen hundert Jahren haben die Sparer in Deutschland zweimal durch Währungsreformen fast ihr gesamtes Vermögen verloren. Müssen Zinseszinssparer – die ja naturgemäß ihr Geld auf Jahrzehnte hinaus verplanen – Angst davor haben, dass sich die Entwicklung wiederholt?

Nun ja, die Zukunft ist natürlich immer unsicher. Aber man muss hier unterscheiden zwischen normaler Inflation, die ja ständig abläuft, und einem relativ seltenen Wertverlust durch Währungsreformen. Und wenn Sie etwa durch Ihre Aktien eine Dividende bekommen und die dann wieder investieren, haben Sie ja eine ähnliche Unsicherheit.

Der Wirtschaftsweise Bert Rürup hat den Zinseszinseffekt einmal als „Achtes Weltwunder" bezeichnet. Ist da etwas Wahres dran?

Ja, es ist schon ein kleines Wunder. Allerdings muss man große Geduld mitbringen, bis es seine volle Wirkung entfaltet. Die haben wir als Sparer oft nicht. Wenn ich meinen Sohn vor die Wahl stelle, heute eine Tüte Gummibären zu bekommen oder morgen zwei, dann wird er sich immer für die sofortige Auszahlung entscheiden. Und das, obwohl er einen Zinssatz von 100 Prozent in nur einem Tag bekäme. Die Fragen stellte Anette Kiefer.

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