Geldpolitik
Die Anleger vertrauen zu blind

Die Gefahr einer Rezession in den USA und damit eines Börsen-Crashs ist noch nicht gebannt. Zu sehr vertrauen die Anleger auf die Hilfe der Geldpolitik.
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Sonst schimpfen sie viel und oft auf ihn, aber nun, da sie selbst in Not geraten sind, ist er trotzdem für sie da, unser Sozialstaat. Die Rede ist von unseren Besten und Mutigsten, von den Risikofreudigen und Kühnen: den Managern der Hedge- und Private-Equity-Fonds und der Investmentbanken. Sie brauchen uns, den Steuerzahler, jetzt in ihrer Not – natürlich nur vorübergehend –, damit sie weiterhin ihre bemerkenswerten vermögensbildenden Fähigkeiten ausspielen können, derer wir so dringend bedürfen, damit das freie Unternehmertum weiterhin blüht.

Glücklicherweise haben die USA in Henry Paulson einen Finanzminister, der genau weiß, wie die Welt des großen Geldes funktioniert, und der versteht, wie wichtig Banker und Broker für das Wohlergehen und den Wohlstand der Nation sind. Schließlich zählt er viele von ihnen zu seinen besten Freunden. Klar: Die ewigen Nörgler und Zyniker, die es nie auf eine ordentliche Gehaltsliste geschafft haben (Sie wissen schon: Politiker, Journalisten, Steuerbeamte und ähnliche Gauner), mögen jetzt über Günstlingskapitalismus und Schlimmeres schimpfen. Anständige mitfühlende Menschen aber können sich nur darüber freuen, wie rasch Paulson 100 Milliarden Dollar organisierte, um diverse Banken wieder flottzukriegen, die nach der plötzlichen Austrocknung der Liquiditätsflut, in der sie so fröhlich geplanscht hatten, auf einmal auf dem Staubtrockenen saßen.

Schließlich sind die ehrenwerten Herren (und wenigen Damen) nur deshalb in eine Notlage geraten, weil sie sich in selbstloser Hingabe zum Wohle der Öffentlichkeit abgemüht hatten: für Rentner und Witwen und Waisen, die ihnen ihre hart erarbeiteten Ersparnisse anvertraut hatten. Die Gefahr der Altersarmut ihrer Kunden muss sehr real gewesen sein, sonst hätten sie nicht so gefährliche Finanzinstrumente angefasst wie ABS und SIV – immer im verzweifelten Kampf für höhere Renditen, damit ihre Kunden Butter essen statt Margarine.

Wer ein solches Risiko eingeht, kann scheitern, machen wir uns nichts vor. Konkret scheiterten unsere Helden an den SIV, den strukturierten Investment-Vehikeln. Sie wurden kreiert, um kurzfristige Mittel zu beschaffen, die wiederum in höher rentierende und länger laufende Wertpapiere investiert wurden, darunter verschiedene ABS-Papiere, die jetzt nur noch als Giftmüll gelten (siehe Grafik). Jüngst waren SIV im Wert von 350 Milliarden bis 400 Milliarden Dollar im Umlauf – nicht schlecht für ein Produkt, von dem selbst viele Finanz-Connaisseure noch nie gehört hatten.

Gut, ein paar Gebühren fielen für die Geldbeschaffer natürlich an. Aber auch Banker müssen essen. Viele Großbanken und Hedgefonds wurden von den strukturierten Investmentvehikeln geradezu magisch angezogen. Sie ähnelten darin den Kreditgebern aller Alters-, Größen- und Solvenzklassen, die es wie Lemminge dazu trieb, eifrig in schlechte Hypotheken zu investieren.

Was dann schließlich Sand ins Getriebe der SIV streute, waren die Unruhen auf den Kreditmärkten und besonders die weltweiten Turbulenzen um Commercial Paper, die, wie sich herausstellte, oft doch nicht so solide war, wie uns die Ratingagenturen weisgemacht hatten. Leute, die ihr Geld in diese eigenartigen Gebilde gesteckt hatten, wurden verständlicherweise nervös, als SIV auf dem Geldmarkt nicht mehr willkommen waren. Das nährte Befürchtungen über eine generelle Flucht aus Wertpapieren.

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